Wie man ein Quäntchen Preisverleihungsstimmung mitgehen lässt

In der Langen Nacht der Shortlist haben wir einen Lauschangriff auf das erlesene Publikum gestartet. Die Regel: Nur wer eine Frage beantwortet, darf eine neue stellen und das nächste Opfer auswählen.

Nach der Preisverleihung - ILP 2014. Foto: Kristina Petzold (CC BY-NC 3.0 DE)

Nach der Preisverleihung – ILP 2014. Foto: Kristina Petzold (CC BY-NC 3.0 DE)

Als erste im Fadenkreuz der Redakteurin: Zwei junge Damen in Sommerkleidern, vertieft in ihre Liegestühle und das gemeinsame Gespräch, jede ein bauchiges Glas mit extrem orangener Flüssigkeit in der Hand – Wieso sie denn heute hier seien: „Naja, also wir sind gerade erst angekommen und haben hier im letzten Jahr gearbeitet. Die Stimmung auf der Dachterrasse ist einfach so schön und ungezwungen, da sind wir gerne wiedergekommen. Auch, dass man von einer Lesung zur anderen schlendern kann, ist richtig angenehm.“
Sie schicken mich weiter zu einem gutaussehenden, vollbärtigen jungen Mann, der nach der Lesung noch alleine auf einem Zuschauerstuhl zurückgeblieben ist, er wirkt ein bisschen orientierungslos und im dicken Winterpulli sowieso komplett deplatziert: Was ihm denn bei der Lesung am besten gefallen habe? „Öhm, das weiß ich noch nicht, ich bin gerade erst gekommen. Aber das, was jetzt kommt, äh – der Hamid-Ersatz? – ja, darauf bin ich sehr gespannt.“ Ein Wink mit dem Zaunpfahl. Also trolle ich mich schnell – die Pause ist schon vorbei.
Zweite Runde: Ich starte mit einer sehr wild und sehr blond gelockten jungen Frau im Liegestuhl. Gut gelaunt erklärt sie: „Ich bin mit meiner Mutter hier. Deshalb habe ich ehrlich gesagt, die Bücher auch gar nicht gelesen. Aber ich finde das alles sehr spannend.“
Ich werde angesetzt auf eine ältere Dame im gestreiften T-Shirt, drehe aber feige wieder ab, als ich sehe, dass sie mit Bernardo Kucinski im Gespräch ist, und lande mitten in einem Grüppchen essender Menschen. Zwei Herren, einer im exzentrisch karierten Jackett, der andere groß und in würdevollem Dunkelblau, sprechen zu einer adretten Grauhaarigen mit knallroten Lippen: Ob sie sich denn heute abend ein Buch kaufen würden? Die drei sind sich einig: Gospodinov. Aber sie waren ja auch schon vorher Fans seiner Texte. Die Frage des kariert Jacketierten, ob man denn am heutigen Abend schon besonders schöne Sommerkleider entdeckt hätte, kann ich leider niemandem mehr stellen – das Glöckchen ruft zur Preisverleihung.

Ein Beitrag von Kristina Petzold