wieder lesen: Als nur die Tiere lebten

Zum Leben erweckt und zur Sprache gebracht: Als nur die Tiere lebten von Zsófia Bán

In der Erzählung Armani und die Liebe aus dem Erzählband Als nur die Tiere lebten von Zsófia Bán trifft die pensionierte und verarmte Margó in einem ungarischen Stadtpark auf eine gepiercte und tätowierte Frau in den Zwanzigern. Die beiden kommen ins Gespräch, die junge Frau gewinnt schnell das Vertrauen der alten Dame und wird von ihr nachhause, ins Seniorenheim, eingeladen. Ehe sich Margó versieht, ist ihr letzter Wertgegenstand, der Armani-Anzug ihres verstorbenen Sohns, verschwunden und mit ihm die junge Frau. Da die Erzählung aus der Perspektive von Margó erzählt wird, gewinnen die LeserInnen keinen Einblick in die Gedanken, Gefühle und Intentionen der jungen Armani-Diebin. Wir haben der geheimnisvollen Frau eine Stimme und der (kriminellen) Handlung einen Hintergrund gegeben.

Als nur die Tiere lebten von Zsófia Bán: Die Erzählung “Armani und die Liebe”. Foto: Jacqueline Thör (CC BY-NC 3.0 DE)

Als nur die Tiere lebten von Zsófia Bán: Die Erzählung “Armani und die Liebe”. Foto: Jacqueline Thör (CC BY-NC 3.0 DE)

B&M 01.05.2004

Ende Oktober, ganze fünf Monate nach ihrem Rauswurf, lief sie durch den Stadtpark. Man hatte sie wieder davongescheucht. Sie hatte die Wohnung in Buda aufgeben und in die gottverdammte Notunterkunft ziehen müssen.
Sie sei doch noch so jung. Vor allem jetzt, da wir endlich zur Eurounion gehörten, da müssten für sie doch so viele Türen offen stehen.
Sie hielt die Arme vor der Brust verschränkt, der Herbstwind kroch unter ihre dünne Jeansjacke. Es war ein ausgesprochen kühler Herbst. Doch sie krempelte ihre Ärmel noch ein Stückchen höher, bis zum Ellbogen, sodass ihre Tätowierung – das Monogramm und das Datum – zum Vorschein kam. Sie blickte suchend umher, ihr unruhiger Blick streifte die einsamen Parkbänke, die verlassenen Wiesen, die leeren Mülleimer. Diese innere Unruhe. Dieses stete, fiebrige Suchen. Das brennende Verlangen. Diese ungewollte Sehnsucht. Was erhoffte sie in diesem Park zu finden? Eine Lösung! Eine eisige Windböe erinnerte sie auf schmerzhafte Weise daran, dass sie eine Lösung finden musste. Dringend.
Möschen. Ein innerer Schmerz, noch eisiger als der ungarische Herbstwind, durchfuhr sie. Der Schmerz der Erinnerung. Für einen flüchtigen Moment wurde etwas in ihr zum Leben erweckt, das lange tot gewesen war, etwas, das lange geschwiegen hatte. – Niedlicher Hund. Ihrer? – Die Worte verließen ihren Mund, doch die Stimme war die einer anderen. Die Hundebesitzerin, eine ältere Dame mit weißer Dauerwelle, hob den Blick. Sie schaute zunächst verwundert, als hätte man sie aus tiefen Gedanken gerissen. Dann, als sie sich scheinbar wieder gefangen hatte, musterte die alte Frau sie eindringlich – ihre Piercings, ihre abgekauten Nägel, ihren bloßen Unterarm. Es war nicht zu übersehen, dass etwas Abwertendes in ihrem Blick lag. Aber auch Neugierde. Sie und die alte Dame kamen ins Gespräch. Worte, welche sie selbst nicht wahrnehmen konnte, lösten sich automatisch von ihren Lippen. Ihr schien es, als würde sie die Situation von einer Außenposition aus betrachten. Als würde sie sich die Szene eines Stummfilms anschauen. Sie fragte sich, wie lange sie wohl schon taub war. Die Alte schien mittlerweile berührt von der Unterhaltung mit ihr. Plötzlich tat ihr die zerknitterte Oma leid.
Woran soll sie diese Tätowierung an Ihrem Arm erinnern?
Die kratzige, alte Stimme drang auf einmal unerträglich laut zu ihr vor. Die Frage schellte in ihren Ohren. Sie schmeckte Blut. Und eine Wut erfasste sie, wie sie sie schon lange nicht mehr gespürt hatte. Gerade hatte ihr die Alte noch leidgetan, nun hätte sie ihrem hässlichen Foxterrier am liebsten in die Eierstöcke getreten: Das Herz war eben niemals so verlässlich, wie ein Schweizer Uhrwerk. Die Stimmen entfernten sich wieder. Sie konnte sich nicht entsinnen, wann sie sich zu der Alten auf die Bank gesetzt hatte. Diese zeigte ihr jetzt ein Foto – taub war sie zwar schon, aber noch nicht ganz blind.
Armani. Mit einem Mal vergaß sie ihren Ärger. Mit einem lange nicht mehr gekannten Glücksgefühl saß sie mit dieser fremden Alten auf der Bank und überlegte, wie sie ihr Zusammensein noch verlängern könnte. Sie sei doch noch so jung. Vor allem jetzt, da wir endlich zur Eurounion gehörten, da müssten für sie doch so viele Türen offen stehen.
In ihr wurde es immer kälter.

Hier können Sie sich das Dokument runterladen:
Zum Leben erweckt

Ein Beitrag von Melina Grundmann, Jacqueline Thör, Lisa Schüler, Alina Bäcker, Karolin Breitschädel.

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Zum Leben erweckt und zur Sprache gebracht: Der Text lebt von seinen Geheimnissen, vom Ungesagten. Die LeserInnen hingegen leben von ihren Erkenntnissen. Sie gieren nach dem Blick hinter die Kulissen. Wir geben aus der Textmatrix herausgelesen unseren Buchgedanken andere Formen.