Der Iran im Kontext des Romans

Im Dialog mit Der Colonel von Mahmud Doulatabadi

Der Colonel, Deutschland und Iran, Fotomontage: Romina Ay, (CC BY-NC 3.3 DE)

Der Colonel, Deutschland und Iran, Fotomontage: Romina Ay, (CC BY-NC 3.3 DE)

Der Colonel ist eine Zeitreise in die Vergangenheit der heutigen Islamischen Republik Iran, zurück zum Beginn der iranischen Revolution, Mitte der Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Der Roman spielt in der Zeit des ersten Golfkrieges zwischen Iran und dem Irak, als islamische Rechts- und Religionsgelehrte, die sogenannten Mullahs, überfallartig die Macht im damaligen Iran übernahmen und das Schah-Regime sein Ende fand. In und um Teheran herrschte ein totaler Kampf um religiöse Vorherrschaft, Machterhalt und politische Einflussnahme in der gesamten iranischen Gesellschaft.

Hintergrund der Erzählung ist die Iranische Geschichte, die der Autor im Roman verarbeitet. Nach der erzwungenen Abdankung seines Vaters durch die Briten kam Mitte des 20. Jahrhunderts der absolutistische Herrscher Mohammad Reza Pahlavi an die Macht. Innenpolitisch setzte er auf eine Verwestlichung der Gesellschaft, auf Gleichberechtigung der Geschlechter, führte das Frauenwahlrecht und ein liberales Scheidungsrecht ein. Diese Neuerungen bedeuteten faktisch eine Beschneidung der religiösen Kräfte im Land. Andererseits unterdrückte der Schah jegliche demokratische Mitbestimmung und Meinungsäußerung im Staat.

Am 16. Januar 1979 stürzten die Perser in einer blutigen Revolution diese Regierung. Der Schah, seine Familie und viele seiner Anhänger mussten ihr Land fluchtartig verlassen. Die Hauptfigur im Roman ist ein ehemals ranghoher Offizier im Schah-Regime. Im Roman wird er nur Colonel genannt. Erst am Ende der Handlung gibt Doulatabadi den Namen seiner Hauptfigur Preis, Mohammed Taghi Khan.

Der Name Mohammed Taghi Khan ist ein Wortspiel – zusammengesetzt aus den Namen großer iranischen Staatsmänner; zum einen handelt es sich um den Gründer des modernen Irans Mirza Taghi Khan und zum anderen um den Kämpfer für die iranische Unabhängigkeit Mohammed Mossadegh.

Im Roman hatte der Colonel als Offizier im Schah-Regime Schuld auf sich geladen, weil er als Soldat Morden und Gräueltaten zustimmte. Er war nie reiner Befehlsempfänger, sondern Soldat und Patriot, der konsequent und unnachgiebig die Interessen seines Landes verfolgte. Seine Kinder kämpften für die Revolution und ein neues Iran. Als Vater ließ er sie ihrer Wege gehen, ließ sie ihre eigenen Entscheidungen treffen, auch vor dem Hintergrund eigener Schuldgefühle.

Im Zentrum stehen die Erinnerungen des Colonels an seine Kinder. Sie repräsentieren im Roman die verschiedenen politischen Strömungen des Landes. Die meisten sind tot, verschollen oder verloren, weil sie Stück für Stück von der Revolution „gefressen“ werden.

Die Rahmenhandlung des Romans ist die geheime Beerdigung der 13-jährigen Tochter des Colonels, Parwaneh. Sie wird von einem Geheimdienstmann des Schahs Rasul Khazar Djavid hingerichtet. Khazar muss sich während der Revolution verstecken und findet Zuflucht im Haus des Colonels. Er hat Angst, dass Parwaneh sein Versteck an die Revolutionäre verraten könnte. Sie gehört zur Volksmodjahedin, die links vom konservativen Klerus angesiedelt ist. Als Gegnerin des Schah-Regimes und der neuen Macht muss sie sterben. Auch der zweitälteste Sohn des Colonels, Mohammad Taghi ist Mitglied der kommunistisch orientierten Volksfedajin und stirbt während der Revolution.

Nach dem Volksaufstand gelingt es der islamischen Geistlichkeit unter der Führung von Ayatollah Khomeini die Macht zu übernehmen. Ihr Ziel war eine Islamisierung des Staates und damit einhergehend die Rücknahme aller westlicher, demokratisch-liberaler Entscheidungen des Schahs. Alle bisherigen modernen Errungenschaften des Irans sollten eliminiert werden.

Der Schwiegersohn des Colonel Ghorbani Hadjadjs passt sich stets den neuen Machtverhältnissen an. Er ist verlogen und scheut weder Intrige oder Verrat noch Gewalt. Durch diesen korrupten und gewalttätigen Mann wird die Tochter des Colonel, Farzaneh, unterdrückt und verliert sich in einem Leben als unmündige Ehefrau. Auch der Colonel selbst passt sich den neuen politischen und staatstragenden Verhältnissen an, seine Loyalität gegenüber Familie und Vaterland verliert sich, verkehren sich ins Gegenteil. So geschieht es, dass er seine Kinder getrieben durch seinen Schwiegersohn öffentlich anprangert und zum Gefolgsmann von Revolutionsführer Khomeini wird, der jegliche Missachtung islamischer Vorschriften denunziert.

Im Haus des Colonels lebt letztlich noch sein ältester linksintellektueller Sohn Amir. Er kämpfte gegen das alte System des Schahs, wurde gefoltert und eingekerkert. Nach dieser Haft ist er gebrochen, hat resigniert, kapituliert. Obwohl die Revolution obsiegt, vegetiert er einsam im Keller des väterlichen Hauses wie dereinst in seiner Gefängniszelle. Gelähmt von Folter und Leid schafft er es nicht, den Mord an seiner Schwester Parwaneh zu verhindern. Er repräsentiert die moskautreue, kommunistische Tudeh-Partei. Auch sie hatte ihre eigenen Werte verraten und kapitulierte vor der neuen Macht. Der jüngste Sohn des Colonels, Masud, stirbt durch den Krieg. Er ist glühender Anhänger der neuen Macht unter Khomeini, zieht als Freiwilliger in den iranisch-irakischen Krieg und fällt als Märtyrer.

Der Autor Mahmud Doulatabadi verknüpft in seinem Roman die iranische Historie mit dem Schicksal einer persischen Familie, deren Mitglieder die unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Strömungen und Wandlungen personifizieren. Der Niedergang der alten persischen Gesellschaft wird durch Leid, Tod und Zerfall der Familie des Colonel Mohammed Taghi Khan dargestellt.

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Ein Beitrag von Romina Ay, Isabel Bach und Alina Bäcker

im Kontext lesen Weg vom Text. Gleichzeitig direkt hinein. Wir fragen nach dem Hintergrund, der Geschichte. Durchleuchten Land und Leben, Subtext und Fiktion