wieder lesen: Die Tigerfrau

Téa Obreht wurde 2012 mit Die Tigerfrau für die ILP-Shortlist nominiert. In den folgenden vier Beiträgen beschäftigen wir uns mit dem Roman, seinen Hintergründen und einem weiteren Text der Autorin.

Galerie der Wörter

Schwarz auf weiß stehen sie da. Ein Blick genügt. Wörter werden lebendig. Bekommen Beine, Gesichter, Farben. Verknüpfen sich mit Emotionen, Vorstellungen, Gedanken. Sprache nimmt Gestalt an, wird zu Bildern.

Im Roman Die Tigerfrau von Téa Obreht werden Ausschnitte aus dem Leben Natalias und ihres Großvaters erzählt. Die Geschichten handeln von Krieg, Liebe, rätselhaften Freundschaften, Aberglauben und fantastischen Begebenheiten. Während die angehende Ärztin in einem kleinen Dorf irgendwo in Osteuropa Waisenkinder impft, stirbt ihr Großvater. Obwohl sie von seiner Krankheit wusste, kommt sein Tod unerwartet. Um ihn besser zu verstehen, begibt Natalia sich auf eine Reise in ihre Erinnerungen an den Verstorbenen und an die Geschichten, die er ihr einst erzählt hat: Wie er als Kind mit dem taubstummen Mädchen, der Tigerfrau, am Kamin saß und ihr das Dschungelbuch in die Asche zeichnete. Die Geschichte von Deriša, dem Bärenjäger und Tierpräparator, der ins Dorf kam, um den Tiger zu töten. Natalia erinnert sich an die eigentümlichen Gepflogenheiten, die ihr Großvater auch während des Krieges aufrechterhielt, an die Geschichte von dem Mann, der nicht sterben kann und der den Menschen ihren Tod voraussagt. Während ihrer Recherchen und Erinnerungen kommt sie ihrem Großvater wieder näher. So nah, wie vielleicht seit ihrer Kindheit nicht…

Die Tigerfrau von Téa Obreht, ein Foto von Minou Trieschmann (CC BY-NC 3.0 DE)

Die Tigerfrau von Téa Obreht, ein Foto von Minou Trieschmann (CC BY-NC 3.0 DE)

„Also begann er, die Geschichte von Mowgli und Shir Khan für sie in die Asche zu zeichnen, verzerrte Gestalten in falschen Proportionen: Tiger, Panther, Bär. […] Er zeichnete einen Frosch, um ihr zu erklären, was Mowglis Name bedeutete, und der Frosch sah dumm, aber freundlich aus.“ (S. 275)

Die Tigerfrau von Téa Obreht, ein Foto von Minou Trieschmann (CC BY-NC 3.0 DE)

Die Tigerfrau von Téa Obreht, ein Foto von Minou Trieschmann (CC BY-NC 3.0 DE)

„Großvater gab nach wie vor sein Seminar, machte seine Krankenhausrunden, ging jeden Morgen zum Markt und wusch Äpfel mit Seife, bevor er sie schälte.“ (S. 47)

Die Tigerfrau von Téa Obreht, ein Foto von Minou Trieschmann (CC BY-NC 3.0 DE)

Die Tigerfrau von Téa Obreht, ein Foto von Minou Trieschmann (CC BY-NC 3.0 DE)

„Vielleicht dachte er sich, wenn der Tod schon im Haus sei, würde sein Tun ihn womöglich anlocken, wäre er so fasziniert von der Magie der Umkehrung und erstaunt, wie das formlose Fell wieder zum Leben erwachte, sich über neue Schultern und Flanken, einen neuen Hals spannte.“ (S. 305)

Die Tigerfrau von Téa Obreht, ein Foto von Minou Trieschmann (CC BY-NC 3.0 DE)

Die Tigerfrau von Téa Obreht, ein Foto von Minou Trieschmann (CC BY-NC 3.0 DE)

„Gib einem Mann Kaffee daraus, und wenn er ihn getrunken hat, wirst du seine Lebensreisen darin sehen und erkennen, ob er kommt oder geht. Wenn er krank, aber nicht todkrank ist, werden die Pfade in seinem Kaffeesatz ruhig und stetig aussehen. Dann musst du ihn dazu bringen, den Becher zu zerbrechen, und ihn fortschicken.“ (S. 224)

Ein Beitrag von Minou Trieschmann

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