„Wir vergleichen ohnehin Äpfel und Birnen miteinander“

Jörg Plath im Gespräch

Zwei Wochen vor der Jury-Diskussion über die Shortlistnominierungen erzählt der Juror über seine Erfahrungen im vergangenen Jahr und teilt seine ersten Eindrücke zu den diesjährigen Texten.

Juror Jörg Plath, ILP-Jurysitzung 2014 (c)Santiago Engelhardt

Herr Plath, Sie waren schon im vergangenen Preisjahr Mitglied der Jury. Gibt es eine besonders schöne oder einprägsame Erinnerung?
Ich habe gute Erinnerungen an sehr überraschende Leseerfahrungen, die mich immer wieder motiviert haben weiterzulesen und bei denen ich gemerkt habe, dass das auch der Grund ist, warum ich gern in dieser Jury bin: Es waren nämlich Entdeckungen von Büchern, die ich sonst vielleicht nie gelesen hätte. Wir hatten einen Titel von Mohsin Hamid aus Indien auf der Shortlist. Das ist ein fetziger und flockiger Roman in einer gedrängten Sprache. Ihn zu lesen hat mir sehr viel Freude gemacht, und er ist auch ganz zu recht auf der Shortlist gelandet. Diesen Titel hätte ich sonst niemals wahrgenommen.Und dann gibt es die Treffen mit der Jury selbst, die für jeden Kritiker bereichernd sind. Normalerweise muss ich immer alleine lesen, alleine schreiben und auch alleine darüber reden, weil die meisten halt nicht dasselbe gelesen haben wie ich. Hier sitzt man dann mit Leuten zusammen, die alle dasselbe Buch gelesen haben, und man kann sich mit ihnen austauschen. Deswegen ist die Juryarbeit so wunderbar. Meine Freunde lesen natürlich auch Bücher, aber jene, die vorher von uns Kritikern besprochen wurden. Sie sind also erst mehrere Monate später dabei.

Gibt es eine Erinnerungen an etwas besonders Anstrengendes?
Die anstrengendste Phase ist immer die Lektürephase. Wir hatten im letzten Jahr ungefähr 160 Titel zu lesen. Das füllt zunächst einmal die letzten Bretter im Bücherregal und den Fußboden davor. Zu Anfang freut man sich, dass man dazu kommt, Titel zu lesen, die man immer schon lesen wollte, aber es bisher nicht geschafft hat. Aber wenn es dann 40 Bücher und mehr werden, werden sie zu einer Last, und dann kommen immer noch weitere Titel hinzu. Das ist die anstrengendste Phase. Da muss man gucken: Was muss ich unbedingt lesen, was muss ich nur anlesen, weil es vielleicht gar nicht in Frage kommt, da es sprachlich wirklich schlecht ist oder aus anderen Gründen herausfällt.

Wie empfinden Sie die Arbeit mit und innerhalb der Jury?
Das ist ein intensiver Austausch, oft über vier, fünf Stunden hinweg. Wenn wir uns nicht einigen können über die Shortlist, können es noch mehr werden. Das ist schon etwas Besonderes. Natürlich rede ich auch mit Freunden und Kollegen über Bücher, aber dann hat man vielleicht einen einzigen Titel gemeinsam gelesen. Die Kollegin, die sich mit italienischer Literatur beschäftigt, hat natürlich alle Italiener gelesen, die ich nur zu einem kleinsten Teil wahrnehme, weil ich mich mehr für die Literatur Osteuropas interessiere, die sie gar nicht oder nur kaum wahrnimmt. Man hat also immer eine Trennung der verschiedenen Welten. Eine Spezialisierung, die notwendig ist bei dem großen Buchmarkt, die aber in der Jury aufgebrochen ist, weil wir uns über dieselben 160 bis 180 Titel verständigen müssen.

Gibt es etwas, das Sie aus dem letzten Jahr mitgenommen haben? Was man besser oder anders machen könnte?
Nein. Jedes Jahr gibt es andere Bücher, und natürlich lernt man nach und nach die Kollegen besser kennen, aber länger als drei Jahre lang ist man auch nicht dabei. Natürlich weiß ich jetzt genauer, wo die Vorlieben der Kollegen liegen, aber ich wüsste nicht, was wir besser machen sollten. Wir haben immer andere Bücher und immer dieselben ästhetischen Vorlieben. Da wird sich nichts dran ändern. In diesem Jahr sind ja drei neue Juroren dabei. Sie haben andere Sichtweisen. Das ist bereichernd. Aber gemeinsam ist den neuen Juroren mit den alten, dass sie sehr eigene Positionen haben. Man kann also nur die Personen kennenlernen und schauen, wo es Schnittmengen gibt und wie wir übereinkommen.

Kommen wir zu den aktuellen Texten. Ist Ihnen da etwas aufgefallen oder hat Sie etwas besonders überrascht?
Es gibt natürlich nur Unterschiede zwischen den Texten im vergangenen Jahr und in diesem. Wir vergleichen ohnehin Äpfel und Birnen miteinander. Es gibt den in sich gelungenen Roman aus Indien und es gibt die sehr versponnene, lyrische Suche nach dem Ich, sagen wir aus der Karibik, und das miteinander zu vergleichen, ist die große Herausforderung jeder Jury. Man kann immer nur sagen: Das Buch ist in sich gelungen und steht für sich und ist ein Kunstwerk und hat mich vielleicht aus irgendeinem Grund mehr überzeugt als ein anderes ebenso gelungenes. Beide direkt miteinander zu vergleichen ist Unsinn. Und ich habe Schwierigkeiten zu sagen, was in diesem Jahr neu ist. Wir hatten im letzten Jahr keinen klassisch erzählenden Roman auf der Shortlist, das ist in diesem Jahr sicherlich anders. Da gibt es einige Romane, die Aussichten haben, auf die Shortlist zu geraten. Ansonsten bin ich von der Bandbreite der Titel überrascht. Vielleicht ergibt das Gespräch mit den Kollegen noch einen neuen Gesichtspunkt. Jetzt trete ich erst mal aus einem überwältigenden Dickicht heraus, in dem ich mich jetzt über sechs Wochen lang bewegt habe, durch das ich richtig durchgefressen habe. Noch ist es mir nicht möglich, bestimmte Linien auszumachen. Sicher, es gibt einige Kindheitsgeschichten, aber die gibt es eigentlich jedes Jahr.

Was bedeutet der Internationale Literaturpreis für Sie aus der Sicht des Literaturkritikers?
Der Internationale Literaturpreis ist ein ganz wunderbarer Preis. Einmal, weil er auch Übersetzer und nicht nur Autoren auszeichnet und würdigt. Sie werden ja immer noch zu wenig ausgezeichnet, ohne sie könnten wir die Werke gar nicht lesen. Denn auch wenn wir vielleicht die Originalsprache beherrschen, könnten wir nicht – also ich kann es zumindest nicht – den literarischen Wert eines Werkes beurteilen. Also ist es wunderbar, dass die Übersetzer mit ausgezeichnet werden. Und dann ist es ein Preis, der ganz bewusst versucht, den alten Begriff der Weltliteratur von Goethe mit Inhalt zu füllen und zu zeigen, was für wunderbare Literatur es auf der Welt gibt. Es gibt da große weiße Flecken im Buchmarkt. Es erscheinen beispielsweise auffällig wenige Titel aus Afrika. In diesem Jahr haben wir, wie im letzten, einige Bücher aus Afrika in unserem Konvolut, die sehr beeindruckend sind, und es ist eine Aufgabe dieses Preises, und das macht er, glaube ich, ganz gut, uns darauf hinzuweisen, dass auf der ganzen Welt beeindruckende Literatur geschrieben wird.

Ich bedanke mich für Ihre Zeit und das Gespräch.

 Ein Beitrag von Minou Trieschmann

Sieben Jurymitglieder stellen sich jedes Jahr der Aufgabe, aus den spannenden Einsendungen der Verlage die Shortlist und schließlich den Preisträger des Internationalen Literaturpreis auszuwählen. 2015 ist Jörg Plath zum zweiten Mal dabei. Er lebt in Berlin und arbeitet als Journalist und Literaturkritiker unter anderem für NZZ, FAZ und Deutschlandradio Kultur.

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