Aufgeblättert: „So wirst du stinkreich im boomenden Asien“

Aufgeblättert: So wirst du stinkreich im boomenden Asien. Foto: Ann-Christine Reeh (CC BY-NC 3.0 DE)

Aufgeblättert: So wirst du stinkreich im boomenden Asien. Foto: Ann-Christine Reeh (CC BY-NC 3.0 DE)

Wenn wir, und darüber sind wir uns wohl einig, ganz ehrlich sein wollen, dann liest du hier kein Selbsthilfebuch. Nein, du liest die Geschichte eines namenlosen Jungen, der den Traum lebt – vom armen Provinzkind zum Multimillionär. Du bist nicht der Junge, deine Geschichte ist nicht seine Geschichte. Aber sie könnte es sein. Dein „Du“ und sein „Du“ sind am Ende vielleicht gar nicht so unterschiedlich, vielleicht seid ihr, eure Leben, am Ende austauschbar und alles besitzt eine Allgemeingültigkeit.
Ort, Zeit, Menschen: Du weißt nichts Genaues darüber, alles bleibt namenlos, unverortet, und dennoch ergibt sich ein Bild in deiner Vorstellung, das viele Details enthält. Da steht ihr, du und der Junge, an einem Kiosk irgendwo in einer fremden Stadt und frühstückt. Wie groß der Kiosk ist, weißt du nicht. Auch nicht, ob der Kiosk aussieht, wie der in deinem Viertel. Aber da entdeckst du die Details, die das Unbekannte, das Ambivalente anreichern: das „Logo einer globalen Limonadenmarke“, die Männer, die Ziege, der Käfer, der Katzenkadaver. Nein, das ist nicht bei dir um die Ecke, aber irgendwo im boomenden Asien.
Das Buch in deinen Händen erzählt aber noch mehr als die Geschichte des Jungen. Auch Kritik schleicht sich auf leisen Sohlen ein. Ganz unterschwellig, wie im Vorbeigehen wirst du in Nebensätzen Zeuge von bedenklichen Lebensumständen. Du wirst nicht aufgefordert zu werten, aber du kommst nicht daran vorbei, das Abwasser der Textilfabrik zu bemerken, das in den Fluss geleitet wird, oder die schlechten Rohre der Metropole, in der du und der Junge leben.
Nein, dies ist kein Ratgeber oder Selbsthilfebuch. Denn das Buch, das du in deinen Händen hältst, verhandelt konstant sein eigenes Dasein, seine eigene Form. Es hat ein Ich, ein Bewusstsein, dem es selbstreflexiv auf den Grund geht. Und am Ende kannst du dir gar nicht mehr sicher sein, wer du, wer ich, wer wir sind, denn die Grenzen von Buch, Erzähler, Protagonist und dir, dem Leser, verschwimmen in die Unkenntlichkeit.

Ein Beitrag von Ann-Christine Reeh

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