Babel auf Indisch

Einblicke in die Literaturlandschaft(en) Indiens

Britisch-Indien, geographischer Vorreiter der heutigen Staaten Indien, Pakistan und Bangladesch, galt zur Kolonialzeit als „Juwel in der Krone Großbritanniens“. Militär, Wirtschaft, Bildung ‒ das Vereinigte Königreich dominierte seine Kolonie in vielerlei Hinsicht: Die englische Sprache galt als Kommunikationsmittel der Eliten und der finanzielle Ertrag des „Juwels“ floss nach Europa.
Die Folgen des Kolonialismus sind noch heute sichtbar ‒ oder besser gesagt hörbar: Neben Englisch sind in Indien 23 Sprachen sowie unzählige regionale Dialekte verbreitet,[1] durch die Verständigungsprobleme an der Tagesordnung sind, sodass sie das Land wie ein „modernes Babel“ wirken lassen.

Grafik: Julia Linne (CC BY-NC-SA 4.0 DE)

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Denn die Sprachvielfalt führt auch dazu, dass viele im Land verstreut lebende Familien keine gemeinsame Sprache haben, außer dem Englischen, das sich von der Elite- zur Alltagssprache entwickelt hat.[2] So gelten in Pakistan Urdu und Englisch als Amtssprachen, wobei ca. 85-90% der Bevölkerung regional verbreitete Sprachen wie Sindhi und Punjabi als Muttersprache haben.[3] Wie im Nachbarland Indien wird die Nutzung der englischen Sprache in Pakistan zwar vom wirtschaftlichen Standpunkt aus befürwortet, aber gleichzeitig als unpatriotisch abgelehnt.[4] In Bangladesch sieht es ähnlich aus: Die meisten Einwohner*innen sprechen Bengali oder eine von Dutzenden weiteren regionalen Sprachen, doch auch hier wird Englisch als Geschäftssprache genutzt.[5] Die wirtschaftliche Bedeutung des Englischen macht sich aber nicht nur in der gesprochenen, sondern vor allem in der geschriebenen Sprache bemerkbar, denn der Leserkreis in der Weltsprache Englisch ist ungleich größer als in einer der unzähligen Regionalsprachen. So hat sich das Ansehen des Englischen auf dem Subkontinent zumindest teilweise gewandelt.

Schreiben aus der Diaspora

Indische Literatur rückte besonders zu Beginn der 1980er Jahre in den globalen Fokus, als mit Salman Rushdies Roman Mitternachtskinder ein englischsprachiger Bestseller auf den Markt kam. Nicht nur Literatur in der ehemaligen Kolonialsprache profitierte von Rushdies Erfolg. So finden sich seitdem mehr englische Übersetzungen, durch die Literatur aus weiteren Sprachen der Region dem internationalen Markt zugänglich gemacht wird.[6] Allerdings bleibt uns, und auch den meisten Bewohner*innen der drei Staaten, durch die Sprachbarriere der Zugriff auf einen Großteil ihrer nicht-englischen Literatur weiterhin verwehrt.
Da das Erlernen des Englischen in Pakistan mehr als in den Schwesterstaaten lange Zeit als Relikt der Kolonialzeit angesehen wurde, konnte insbesondere Indien in der internationalen Literaturproduktion einen Vorsprung erreichen.[7] Im Windschatten des südlichen Nachbarn ziehen jedoch einige pakistanische Autor*innen seit Beginn des 21. Jahrhunderts nach.[8] Aufmerksamkeit auf dem internationalen Buchmarkt erhält ein Großteil der Schriftsteller*innen aus der ehemaligen Kolonie jedoch erst, seitdem sie aus der Diaspora schreiben.[9] Tatsächlich leben viele der in der Region geborenen Autor*innen, wie Salman Rushdie, im Ausland (vor allem in Großbritannien oder den USA) und beschäftigen sich in ihren Texten häufig mit der (eigenen) Migration, dem Verlust der Heimat sowie der Teilung ihres Landes nach dem Ende des Kolonialismus. Auch Daniyal Mueenuddin und Mohsin Hamid, die 2010 bzw. 2013 auf der Shortlist des ILP standen und beide in Lahore, Pakistan, aufwuchsen, verbrachten ihre Studienzeit in den Vereinigten Staaten. Die Entscheidung, den Subkontinent zu verlassen, hat für jede Autorin und jeden Autor eigene Gründe: Die Feministin Taslima Nasreen, die in Bengali schreibt, ist in ihrem Heimatland Bangladesch nicht nur von der Zensur betroffen, auch ihr Leben war zeitweise durch politische Gegner bedroht,[10] sodass sie ins Exil nach Europa, Indien und schließlich in die USA ging.[11] Einige ihrer Bücher sind daher auf dem bengalischen Literaturmarkt nicht zu erhalten.

Ein wachsender Buchmarkt

Grafik: Julia Linne (CC BY-NC-SA 4.0 DE)

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Trotz Schwierigkeiten wie der multilingualen Kommunikation, wächst der Buchmarkt in der ehemaligen Kolonie stark. 2012 entwickelte sich die Verlagsindustrie in Indien mit einer Wachstumsrate von 15% und die ca. 19.000 Verlage des Landes veröffentlichen jährlich etwa 90.000 Titel.[12] Dieser Aufwärtstrend kann unter anderem mit einer Entwicklung in der Alphabetisierung verknüpft werden ‒ zwar schätzte die UNESCO die Erwachsenen-Alphabetisierungsrate in allen drei Ländern zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch auf unter 63%,[13] doch konnte sich zwischen 1990 und 2011 in Bangladesch der Anteil der Frauen, die lesen und schreiben können, verdoppeln.[14]
Gleichzeitig weitet sich der Einfluss der früheren Kolonialmacht auf ihr „Juwel“ wieder aus: Das britische Verlagswesen entdeckt Indien als Absatzmarkt für sich, so zum Beispiel Penguin Books India, der indische Ableger des britischen Penguinverlags, in dem auch Mohsin Hamids So wirst du stinkreich im boomenden Asien erschienen ist. Die Veröffentlichungen des Verlags reichen von der klassischen Lyrik des bengalischen Dichters Rabindranath Tagore bis zu moderner, internationaler Literatur. Penguin India verlegt nicht ausschließlich auf Englisch, sondern vereinzelt auch auf Hindi, Marathi, Gujarati und weiteren Sprachen des Landes.[15] Während britische Verlage in Indien expandieren, weiten auch indische Verleger ihr Geschäft aus, wie Seagull Books aus Kalkutta, die mittlerweile in London und New York vertreten sind.[16] Der Fokus des Verlags liegt neben Kunst, indischem Theater und Literatur auch auf internationalen Texten, wie zum Beispiel aus Deutschland und Italien.[17]
Die Literaturen des Subkontinents sind auch weiterhin einer Reihe von Schwierigkeiten ausgesetzt ‒ dem Mangel an Übersetzungen, der Konkurrenz zu westlichen Verlagshäusern und der Vereinbarung von regionalen Traditionen und globalem Markt ‒, doch werden sie mittlerweile mehr und mehr erschlossen. Dabei dient die Sprache der ehemaligen Kolonialmacht zur Mediation nicht nur auf internationaler Ebene, sondern auch innerhalb der vielzüngigen Bevölkerung der drei Staaten. Doch anders als in der Geschichte des Turmbaus zu Babel muss Sprachvielfalt keine Strafe bedeuten, sie kann auch ein Anreiz sein, den kulturellen und literarischen Reichtum einer Region zu ergründen.

Ein Beitrag von Julia Linne

Literatur in postkolonialen Räumen: Sind postkoloniale Einflüsse auf die Buchmärkte dieser Welt ergründbar? Wie wird Identität konstruiert? Wie viel des Anderen steckt in mir? Wir beleuchten (scheinbare) Dichotomien zwischen eigen und fremd, dem Selbst und dem Anderen, kolonial und postkolonial in der internationalen Gegenwartsliteratur.

[1] Vgl. „Indien. Konjunktur- und Demographie-Indikatoren.“ Frankfurter Buchmesse, Daten 2012/2013. http://www.buchmesse.de/images/fbm/dokumente-ua-pdfs/2014/buchmarkt_indien_dt_42878.pdf, aufgerufen am: 02.04.2016.

[2] Vgl. Vaish, Vinti : „English as a Language of Decolonization (2008).“ In: Gerhard Stilz, Ellen Dengel-Janic (Hg.): South Asian Literatures (Postcolonial Literatures in English. Sources and Resources, Bd. 1). Trier: WVT, 2010, 161-165, hier S. 165; Kapoor, Kapil: „English as Second Language in India (1994).“ In: Gerhard Stilz, Ellen Dengel-Janic (Hg.): South Asian Literatures (Postcolonial Literatures in English. Sources and Resources, Bd. 1). Trier: WVT, 2010, 103-106, hier S. 103f.

[3] Vgl. Malik, Iftikhar H.: Culture and Customs of Pakistan. Westport, Conn./London: Greenwood, 2006, S. 61f.

[4] Vgl. Rahman, Tariq: „English in Pakistan (2002).“ In: Gerhard Stilz, Ellen Dengel-Janic (Hg.): South Asian Literatures (Postcolonial Literatures in English. Sources and Resources, Bd. 1). Trier: WVT, 2010, 123-126, hier S. 124.

[5] Vgl. Hossain, Tania/Tollefson, James W.: „Language Policy in Education in Bangladesh.“ In: Amy B. M. Tsui, James W. Tollefson (Hg.): Language Policy, Culture, and Identity in Asian Contexts, Mahway. New Jersey: Lawrence Erlbaum, 2007, 241-257, hier S. 241 und 243.

[6] Vgl. Sattar, Arshia: „Translations into English.“ In: Arvind Krishna Mehrotra (Hg.): A Concise History of Indian Literature in English. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2009, 411-423, hier S. 422.

[7] Vgl. Riaz, Fahmida: „Pakistani Literature in English (1991).“ In: Gerhard Stilz, Ellen Dengel-Janic (Hg.): South Asian Literatures (Postcolonial Literatures in English. Sources and Resources, Bd. 1). Trier: WVT, 2010, 67-69, hier S. 67.

[8] Vgl. Oesterheld, Christina: „Aus der Stiftung. Das wichtigste sprachliche Medium Pakistans.“ In: Ruperto Carola 3 (2006). https://www.uni-heidelberg.de/presse/ruca/ruca06-3/stift.html, aufgerufen am: 02.04.2016.

[9] Vgl. Riemenschneider, Dieter: „Doppelperspektiven. Die englischsprachige Literatur Indiens.“ In: Helmuth A. Niederle (Hg.): Literatur und Migration ‒ Indien. Migranten aus Südasien und der westliche Kontext (Edition Milo – Texte und Studien, Bd. 3). Wien: Lehner, 2007, 175-197, hier S. 175.

[10] Vgl. „Taslima Nasrin. Bangladeshi Author.“ http://www.britannica.com/biography/Taslima-Nasrin, aufgerufen am: 14.04.2016.

[11] Vgl. „About Taslima Nasreen.“ http://taslimanasrin.com/about.html, aufgerufen am: 02.04.2016.

[12] Vgl. „Indien. Konjunktur- und Demographie-Indikatoren.“ Frankfurter Buchmesse, Daten 2012/2013. http://www.buchmesse.de/images/fbm/dokumente-ua-pdfs/2014/buchmarkt_indien_dt_42878.pdf, aufgerufen am: 02.04.2016.

[13] Vgl. „Weltbericht Bildung für alle 2006. Kurzfassung. Alphabetisierung weltweit.“ Deutsche UNESCO-Kommission, Bonn 2006 http://unesdoc.unesco.org/images/0014/001442/144270ger.pdf, aufgerufen am: 04.04.2016, hier S. 10.

[14] Vgl. „UNESCO-Welttag der Alphabetisierung.“ September 2014, https://www.unesco.de/bildung/2014/uho-9-2014-alphabetisierung.html, aufgerufen am: 04.04.2016.

[15] Vgl. „About Us.“ http://www.penguinbooksindia.com/en/node/34.html, aufgerufen am: 13.04.2016.

[16] Vgl. Kämpchen, Martin: „Der indische Buchmarkt. Im bunten Chaos des Geistes.“ 28.09.2006. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/der-indische-buchmarkt-im-bunten-chaos-des-geistes-1355927.html, aufgerufen am: 02.04.2016.

[17] Vgl. „Home.“ http://www.seagullbooks.org/, aufgerufen am: 13.04.2016.

Literaturangaben:

„About Taslima Nasreen.“ http://taslimanasrin.com/about.html, aufgerufen am: 02.04.2016.

„About Us.“ http://www.penguinbooksindia.com/en/node/34.html, aufgerufen am: 13.04.2016.

„Home.“ http://www.seagullbooks.org/, aufgerufen am: 13.04.2016.

Hossain, Tania/Tollefson, James W.: „Language Policy in Education in Bangladesh.“ In: Amy B. M. Tsui, James W. Tollefson (Hg.): Language Policy, Culture, and Identity in Asian Contexts, Mahway. New Jersey: Lawrence Erlbaum, 2007, 241-257.

„Indien. Konjunktur- und Demographie-Indikatoren.“ Frankfurter Buchmesse, Daten 2012/2013. http://www.buchmesse.de/images/fbm/dokumente-ua-pdfs/2014/buchmarkt_indien_dt_42878.pdf, aufgerufen am: 02.04.2016.

Kämpchen, Martin: „Der indische Buchmarkt. Im bunten Chaos des Geistes.“ 28.09.2006. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/der-indische-buchmarkt-im-bunten-chaos-des-geistes-1355927.html, aufgerufen am: 02.04.2016.

Kapoor, Kapil: „English as Second Language in India (1994).“ In: Gerhard Stilz, Ellen Dengel-Janic (Hg.): South Asian Literatures (Postcolonial Literatures in English. Sources and Resources, Bd. 1). Trier: WVT, 2010, 103-106.

Malik, Iftikhar H.: Culture and Customs of Pakistan. Westport, Conn./London: Greenwood, 2006.

Oesterheld, Christina: „Aus der Stiftung. Das wichtigste sprachliche Medium Pakistans.“ In: Ruperto Carola 3 (2006). https://www.uni-heidelberg.de/presse/ruca/ruca06-3/stift.html, aufgerufen am: 02.04.2016.

Rahman, Tariq: „English in Pakistan (2002).“ In: Gerhard Stilz, Ellen Dengel-Janic (Hg.): South Asian Literatures (Postcolonial Literatures in English. Sources and Resources, Bd. 1). Trier: WVT, 2010, 123-126.

Riaz, Fahmida: „Pakistani Literature in English (1991).“ In: Gerhard Stilz, Ellen Dengel-Janic (Hg.): South Asian Literatures (Postcolonial Literatures in English. Sources and Resources, Bd. 1). Trier: WVT, 2010, 67-69.

Riemenschneider, Dieter: „Doppelperspektiven. Die englischsprachige Literatur Indiens.“ In: Helmuth A. Niederle (Hg.): Literatur und Migration ‒ Indien. Migranten aus Südasien und der westliche Kontext (Edition Milo – Texte und Studien, Bd. 3). Wien: Lehner, 2007, 175-197.

Sattar, Arshia: „Translations into English.“ In: Arvind Krishna Mehrotra (Hg.): A Concise History of Indian Literature in English. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2009, 411-423.

„Taslima Nasrin. Bangladeshi Author.“ http://www.britannica.com/biography/Taslima-Nasrin, aufgerufen am: 14.04.2016.

„UNESCO-Welttag der Alphabetisierung.“ September 2014, https://www.unesco.de/bildung/2014/uho-9-2014-alphabetisierung.html, aufgerufen am: 04.04.2016.

Vaish, Vinti: „English as a Language of Decolonization (2008).“ In: Gerhard Stilz, Ellen Dengel-Janic (Hg.): South Asian Literatures (Postcolonial Literatures in English. Sources and Resources, Bd. 1). Trier: WVT, 2010, 161-165.

„Weltbericht Bildung für alle 2006. Kurzfassung. Alphabetisierung weltweit.“ Deutsche UNESCO-Kommission, Bonn 2006 http://unesdoc.unesco.org/images/0014/001442/144270ger.pdf, aufgerufen am: 04.04.2016, hier S. 10.