Belarussisch – Literaturen einer fast unbekannten Sprache

Eine collagierte Reportage.

Draußen scheint die Sonne, es ist warm. Auf den schmalen Grünstreifen zwischen den Platten- und Altbauten trocknen Laken auf Wäscheleinen. In einem dieser Häuser in der Leipziger Südvorstadt steht der Übersetzer Thomas Weiler umgeben von Bücherregalen in seinem engen Arbeitszimmer. Der Familienvater hat 2011 die Internetplattform literabel.de gegründet, auf der er gemeinsam mit anderen Übersetzer*innen belarussische Autor*innen vorstellt und ihre Bücher auszugsweise ins Deutsche übersetzt. Denn viel bekommt man hier nicht mit aus Belarus. Wenn überhaupt, ist das kleine Land zwischen der Ukraine und Russland den meisten ein Begriff als letztes diktatorisch geführtes Land in Europa. „Belarus ist mehr als das autoritäre System Lukashenko, und das versuchen wir auch über die Literaturübersetzungen zu zeigen“, sagt Thomas Weiler.

Die Autor*innen, die auf literabel.de vertreten sind, haben eine Gemeinsamkeit: Sie alle schreiben auch auf Belarussisch, selbst wenn das die Chancen schmälert verlegt zu werden. Literatur auf Belarussisch ist nicht verboten, sie ist nur einfach schwer zu bekommen, ob nun in Buchhandlungen oder im Internet. Neben der Regime-Sprache Russisch spricht nur eine Minderheit die Landessprache. Auf den Straßen der Hauptstadt Minsk, dem politischen und kulturellen Zentrum Belarus’, hört man es selten. „Um sich der Regierung gegenüber abzugrenzen, sprechen viele Intellektuelle, Künstler und die Opposition Belarussisch, aber die Zivilbevölkerung hat zu große Scheu davor und bleibt beim Russischen“, erklärt Thomas Weiler. Der Übersetzer fuhr im Rahmen eines Schulprojektes in der 11. Klasse nach Belarus und absolvierte zwei Jahre später einen 18-monatigen Freiwilligen-Dienst in Minsk. Dort übersetzte er auch die ersten Texte, und blieb dabei. Zurück in Deutschland folgte ein Studium als Diplomübersetzer für Russisch und Polnisch. Doch er ist dem Belarussischen treu geblieben. Bevor sich Thomas Weiler einer Übersetzung annimmt, recherchiert er im Internet, sucht auf belarussischen Blogs und in Magazinforen nach etwas, das ihn interessiert: „Mein Interesse gilt vor allem den Menschen, die in der unabhängigen Szene arbeiten: den Verlegern, den Autoren, die das seit Jahrzehnten machen und sich nicht unterkriegen lassen.“

Belarussische Autor*innen auf litrabel.de

Belarussische Autor*innen auf litrabel.de

Es ist wieder warm, die Sonne scheint, und überall sind Menschen, auch in Halle 4. Das OstSüdOst-Forum auf der Leipziger Buchmesse 2016 hat eingeladen zu einer Lesung und einem Gespräch mit dem belarussischen Autor und Essayisten Artur Klinau, auch dabei: Thomas Weiler. Er hat Klinaus Debüt-Roman Schalom übersetzt, ist aber nicht nur als Übersetzer da, sondern auch als einer der Organisator*innen des Übersetzerzentrum, wie er wenig später draußen in der Sonne erzählt. Dort berichtet er auch von den neuesten Entwicklungen seiner Übersetzungsplattform: „Letztes Jahr wurde unsere Seite literabel.de gehackt, seitdem gehen ein paar Funktionen nicht mehr, dafür ist der Facebook-Teil größer geworden.“ Inzwischen ist die Seite seit fünf Jahren online – die Datenbank wächst und mit ihr die Zahl der Übersetzungen ins Deutsche. „Die belarussische Literatur ist aber immer noch eine Nische, es geht mehr um die Autoren, als dass die Literatur an sich einen Begriff darstellt“, wendet Thomas Weiler ein. In Belarus wird das ein wenig anders wahrgenommen: Mit der Nobelpreisvergabe an die belarussische Autorin Swetlana Alexijewitsch 2015 sehen sich viele Autor*innen mit ausgezeichnet, wie auch Artur Klinau während seiner Lesung betonte. Es hat sich aber auch sonst einiges getan im Binnenstaat: Literaturpreise werden verliehen und Literaturblogs sind keine Seltenheit mehr. Auch die Unterstützung von außen wächst, so verleiht das Polnische Institut in Minsk jährlich den Jerzy-Giedroyc-Preis für Literatur auf Belarussisch und in Schweden gibt es das Books from Belarus-Programm für zeitgenössische belarussische Literatur. „Die Förderungen sind gut“, räumt Thomas Weiler ein, und denkt kurz nach, „aber es entwickelt sich auch eine Markttendenz. Ein paar belarussische Autoren haben angefangen, für diese Auszeichnungen und Publikationsmöglichkeiten zu schreiben und das ist natürlich schade.“ Denn von offizieller Seite gibt es nach wie vor kaum Förderungen, so dass ausländische Unterstützungen in den Fokus vieler Autor*innen geraten sind. Thomas Weiler beobachtet das kritisch und reflektiert auch seinen Anteil daran: „Welche Rolle spielen wir als Übersetzer, die auch Literatur vermitteln, wenn unsere Tätigkeit plötzlich so ein Gewicht in der belarussischen Literaturszene bekommt? Diese Verantwortung war uns zu Beginn nicht bewusst.“ Viele Geschichten bleiben unübersetzt, da sie sich für den ausländischen Markt weniger eignen – dazu gehören vor allem Stoffe, die die belarussische Gegenwart beschreiben und thematisieren. Inhalte, die vermeintlich zu unverständlich sind für eine nicht belarussische Leserschaft, hinzukommt, dass die ausländischen Förderungen oftmals einhergehen mit bestimmten (auch ungeschriebenen) Förderrichtlinien, wie zum Beispiel der Bezugnahme zu den Ländern der preisstiftenden Organe.

Langsam leeren sich die Hallen, die Sonne steht tiefer und Thomas Weiler macht sich auf den Weg – nicht mehr in die Wohnung in der Leipziger Südvorstadt, sondern auf einen Bauernhof ein bisschen außerhalb, den er mittlerweile bewohnt. Bald möchten sich die Übersetzer*innen von literabel.de wieder um ihre Homepage kümmern, damit die belarussische Literatur weiterhin auch im deutschsprachigen Raum verfügbar ist. Und vielleicht erweitern in Zukunft dann auch ein paar Bücher den deutschen Literaturmarkt, die den Facettenreichtum der belarussischen Literaturszene in ihrer Gänze abbilden.