Brief an einen Freund

von Fiston Mwanza Mujila

aus dem Französischen von Katharina Meyer und Lena Müller

 

Ich bin auf einem Flughafen. Die Kopfhörer am Ohr geben den Rhythmus meiner Schritte vor. Ich höre Otis Redding oder Kamasi Washington, Makeba oder Duke Ellington, Cesaria Evora oder Papa Wemba, die kongolesische Rumba-Legende. In meinem Bauch brodelt die Aufregung, weniger wegen der Reise, als wegen dem, was sie in mir auslöst. Obwohl ich schon eine ganze Reihe von Ländern und Meeren durchquert habe, unterwirft sich mein Körper bei jeder neuen Reise wieder der Diktatur der Leere.

Gerade habe ich mein Gepäck aufgegeben und bin auf dem Weg zum Abfertigungsbereich. Dafür muss ich durch die Passkontrolle. Ich trete vor den Grenzbeamten und reiche ihm meinen Pass. Ich kenne dieses Spiel. Der Zollbeamte ebenfalls. Schließlich bin ich nicht der erste, der vor ihm aufkreuzt. An jedem gottgegebenen Tag halten ihm Leute aller Länder, aller Religionen, jeden Alters, jeder Statur und aller sozialen Schichten hier ihre Papiere hin. Als Globetrotter laufe ich einer ganzen Reihe von Grenzbeamten über den Weg. Uns verbindet eine Komplizenschaft, eine Art gegenseitiger Respekt.

Wir sind die Darsteller in einer Komödie ohne Text, ohne Zuschauer und sogar ohne Regisseur. Jeder müht sich mit seiner Rolle. Sein Auftrag beginnt, wenn er die Uniform überstreift. Meiner, sobald ich seinen Machtbereich betrete.

Man muss sich die Augen aus den Höhlen starren, um zu entziffern, was vom Wort Kongo noch übrig ist.

Der Zollbeamte schnappt sich mein Reisedokument. Auf seinem Gesicht sehe ich Erstaunen oder Neugierde. Verschiedene Gesichtsausdrücke lösen einander ab. Eine Grimasse kann man leicht mit einem Lachen verwechseln, einen Schluchzer mit einem Schluckauf. Angestrengt untersucht er das Dokument. Das Unbehagen ist deutlich spürbar. Schon der Einband schockiert ihn. Ländername und Staatswappen sind kaum noch zu erkennen. Mein Pass ist nicht gerade in bester Verfassung. Seine blaue Farbe hat schon vor längerer Zeit das Weite gesucht. Man muss sich die Augen aus den Höhlen starren, um zu entziffern, was vom Wort Kongo noch übrig ist. Der Pass aus meinem Land gilt als einer der teuersten der Welt, als der, der sich auch für die Kongolesen selbst am schwierigsten erneuern lässt, und als der, der sich am schnellsten abnutzt.

Seine Augen geben sich nicht mit dem Einband zufrieden und gehen zum nächsten Schritt über. Je genauer er das Dokument inspiziert, desto stärker krümmt sich seine Gestalt. Ein Reisedokument weist seinen Besitzer aus und außerdem dessen Herkunftsland. Und beim Kongo denken die meisten an Krieg, Kindersoldaten, laut lachende Nutten, sintflutartige Regenfälle, eine nie endende Diktatur, Hungersnot oder Geschlechtskrankheiten. Mein Pass verleiht mir also de facto einen Status. Ich bin ein potentieller Kandidat für illegale Einwanderung. Und er stiftet Unruhe. Er bildet einen sich verflüchtigenden Teil der Welt ab, ein Konglomerat aus Träumen und anderem Hoffnungsdurst. In ihm drängeln sich Länder, die eher keinen Handel treiben. Es ist eine bunte Mischung von Visa aus Nigeria, Moldawien, Burundi, den USA, der Ukraine, dem Libanon, England, Kenia…

Mit der Präzision eines Kardiologen, der anhand des Pulsschlags seines Patienten eine Diagnose zum Gesundheitszustand der Welt stellen will, fährt der Grenzbeamte in seiner Arbeit fort. Er blättert im Pass, dreht und wendet ihn, begutachtet seinen Einband, beäugt mich, um zu überprüfen, ob ich auch wirklich der Typ auf dem Foto bin, nimmt seine Liturgie mit noch größerem Eifer wieder auf: Er springt zwischen den Seiten hin und her, mustert mich eingehend, macht sich wieder über den Einband her, betrachtet lange das Visum für England oder Burundi.

Da fällt mir auf, dass ich ihm meine österreichische Aufenthaltserlaubnis noch gar nicht gezeigt habe. Schnell hole ich es nach. Der Grenzbeamte macht sich über beide Dokumente her, versichert sich, dass die Daten übereinstimmen und überprüft zum fünften Mal die Fotos.

„Guten Flug“, murmelt er, als er mir den Papierkram zurückgibt.

Auch ein anderes Ende ist nicht ausgeschlossen.

„Sie sind Schriftsteller?“ erkundigt sich ein Beamter an einem Londoner Flughafen.

An Kontrollschaltern lächle ich immer. Ich bin schon in jeden Winkel der Welt gereist, ohne mich auch nur einen Zentimeter aus meiner Heimatstadt fortzubewegen. Noch bevor mir ein Bart wuchs. Von Anfang an war die Literatur ein Mittel, um die Grenzen (und alles, was mit ihnen einhergeht) in die Irre zu führen, sie aus dem Fenster in den Ozean zu schubsen und auf diesem Heilsweg und durch seine Folgeschäden meine ausufernde Fantasie zu vergrößern. Ich bin an jeden erdenklichen Ort gereist, ganz ohne Pass, Visum oder sonstigen Passierschein. Es genügte, in einem Roman zu versinken, um mich in Brasilien, im Senegal oder in den USA wiederzufinden. Die Schriftsteller wurden zu meinen Saufkumpanen. Césaire und García Márquez vertraute ich meine ständige Schlaflosigkeit an, Sartre und Simone de Beauvoir meine Teenagersorgen… Die Romanfiguren offenbarten sich mir, nahmen mich bei der Hand und stifteten mich an loszuziehen. Trunken vor Freiheit und Frechheit durchkämmten wir in aller Ruhe gemeinsam die Straßen von Lagos, Berlin, Kiel und Marseille. Ich imitierte ihren Mut, ihre Art, sich zu kleiden und die Verrückten zu ärgern und weiter an etwas Akzeptables zu glauben, trotz des allgemeinen Debakels.

Im Westen kann man es nicht fassen, man will sich mit aller Kraft sein eigenes Bild von der Welt machen. Man versucht zu glauben, dass es eine Mauer zwischen hier und dort gibt, dass eine Art kulturelles und geographisches Schutzschild zwischen Afrika und dem Westen existiert. Man nährt diese Wunschvorstellung. Man setzt alles dran, den jahrhundertelangen Kontakt zwischen Afrika und dem Westen zu vergessen oder zumindest kleinzureden, der manchmal recht brutal war, wie die Sklaverei und der Kolonialismus. Man möchte einen Schlussstrich ziehen, als wäre nichts geschehen, als könnte man die Menschheit in zwei Teile teilen. Dort, in Afrika, betrauert man diese tragischen Ereignisse, wirft sich aber in die Welt. Dort sprengt man die angeblichen Mauern mithilfe von Kultur, Fernweh, dem Wissen um und dem übersteigerten Verlangen nach diesen fernen Horizonten. Ich für meinen Teil hatte, noch bevor ich nach Europa gekommen bin, ein weltweites kulturelles Gedächtnis.

Ich hatte immer den Eindruck, fortwährend in Bewegung zu sein. Ob das daran liegt, dass ich alle zwei Monate weiterziehe? Eine Migration seit dem Mutterleib? Gibt es einen Zusammenhang mit den Sprachen, die ich spreche und die auf eine gewisse Art mit dem Exil verbunden sind? Ich weiß es nicht… Aber ich würde gerne in ein paar Sätzen meine Gedanken zu meinen Schreibsprachen und meinem Standpunkt als kongolesischer Autor in Europa skizzieren. Dafür erlaube ich mir einen großen Umweg. Sein Land zu verleugnen heißt, ungehorsam gegenüber seiner Mutter zu sein. Ich habe in Afrika gelebt, bis ich erwachsen war. Um über mich zu sprechen, braucht es eine Bewegung in beide Richtungen. Meine Erinnerung als Österreicher und als Europäer – wenngleich ich es auf dem Papier nicht bin – gibt es nicht ohne mein früheres Leben. Anders gesagt, was ich bin, steht in keinem Gegensatz zu dwas ich war. Es ist immer noch derselbe Schleim, der durch meinen Körper fließt.

 

Die Sprache als Wohnung

Seit ein paar Jahren schreibe ich auf Deutsch. Oder besser, ich versuche, die Sprache zu bewohnen. Das Französische bleibt weiterhin meine Haupt-Schreibsprache. Als Jugendlicher habe ich ein paar bruchstückhafte Texte auf Swahili verbrochen. Die Wohnungs-Metapher veranschaulicht das Gefleische mit den erwähnten Sprachen. Die drei Sprachen stehen für die Wohnung des Autors, die einer Freundin und die seiner Großeltern.

Ich beginne mit der letzten. Meine Großeltern lebten quasi in einem Museum. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, sehe ich mich in diesem Haus, in dem jedes Möbelstück mit Erinnerungen verbunden war. Sie änderten selten etwas an der Einrichtung. Das Esszimmer, das Wohnzimmer, die Küche, ihr Schlafzimmer, kurz gesagt alle Zimmer überdauerten die Jahre.

Das Swahili als Schreibsprache ist wie dieser Ort. Die Einrichtung ist mir vertraut. Ich weiß genau, wo alles steht. Jede Sache erzählt ein Stück Familiengeschichte. Sie ist Teil meiner Vorstellungswelt und meines Daseins. Und gleichzeitig bin ich nicht der Eigentümer dieser vier Wände und werde es auch niemals sein.

… das Swahili verdrückt sich, sobald ich es in den Dienst der Fiktion stellen möchte …

Meine Großmutter war sehr streng. Es war uns verboten, unsere Hintern auf die Sessel zu platzieren, aus Furcht, wir könnten sie bekleckern. Sie schärfte uns ein, ja nichts kaputt zu machen, wenn wir bei ihr waren. Die Großmutter wachte darüber, dass niemand von uns, keine Schwester und kein Bruder, gegen ihr Wohnungsreglement verstieß. Die Möbel meiner Großeltern sind die Wörter des Swahili. Ich bin in diese Sprache geboren und mit ihr aufgewachsen. Ich spreche sie mit Leichtigkeit, aber das Swahili verdrückt sich, sobald ich es in den Dienst der Fiktion stellen möchte, als würden die Wörter sich das hochmütige Getue von extrem emanzipierten, boshaften und eigensinnigen Romanfiguren überstreifen, die sich ihrem Autor entziehen, die die Nabelschnur durchtrennen. Die Sprache macht sich aus dem Staub, sobald ich versuche, sie aufs Papier zu bringen. Ich spüre eine Distanz zwischen mir und dem Gegenstand der Sprache.

Das literarische Schaffen in einer bestimmten Sprache ist fest verbunden mit dem Lesen auf dieser Sprache. Was in meiner Geburtsstadt für das Swahili keine Option ist, nicht zuletzt aufgrund des Mangels an Büchern auf dieser Sprache. Schreiben geht immer einher mit einer genauen Kenntnis der Sprache. Und diese entsteht durch Bildung. Ein schwer zu erreichendes Ziel, da das Französische weiterhin die einzige Unterrichtssprache ist. Der Swahili-Unterricht, der dem Lehrplan für die Grundschule untergeschoben wurde, beschränkt sich auf das Erlernen von ein paar Grammatikregeln.

 

Die zweite Wohnung

Das Französische hingegen befindet sich in Reichweite. Ich betrete diese Sprache und schlendere umher wie in meiner eigenen Bude. Ich kenne sie wie meine Westentasche. Die Einrichtung entspricht meinen extravagantesten Vorstellungen. Die Möbel, die Bilder, die Farbe der Bettlaken und der Vorhänge sind mir ergeben. Sie stehen mir zu Diensten.

Ich schreibe auf Französisch, weil der Kongo eine ehemalige belgische Kolonie ist. Ich schreibe auf Französisch, weil sich die Sprache, während der Kolonialzeit Verwaltungssprache, kurz nach der Unabhängigkeit in den Rang der einzigen offiziellen Sprache befördert wurde.

Ich schreibe auf Französisch, weil es als Verwaltungssprache und folglich auch als Unterrichtssprache und Sprache des kulturellen Lebens im Kongo dient. Ich schreibe auf Französisch, weil ich auf dieser Sprache lesen, singen und schreiben gelernt habe. Ich schreibe auf Französisch, weil ich keine andere Wahl hatte, als auf dieser Sprache zu schreiben. Ich schreibe auf Französisch, weil Autoren wie Aimé Césaire mich als Mensch geprägt oder mich mit ihrem Werk fasziniert haben. Im Gegensatz zum Deutschen, das ich wähle, wenn ich Zeit habe, hat sich das Französische mir hingegeben. Das dazugehörige Bild?

Eine riesige Welle, die auf den Strand trifft. Durch das stetige Lesen und Schreiben auf Französisch habe ich die Gesetzmäßigkeiten der Literatursprache in mir aufgenommen. Mit meinem Bezug zum deutschsprachigen Raum wird das Französische um eine neue Dimension erweitert. Ich schreibe und träume in dieser Sprache, das Deutsche hingegen benutzte ich im Alltag. Es gibt Tage, an denen ich kein einziges Wort Französisch spreche, aber zum Schreiben darauf zurückgreife. Die Sprache verwandelt sich in einen geheimen Garten. Ein französischsprachiger Autor in Moskau, Wien oder Berlin arbeitet nicht unter den gleichen Bedingungen wie ein entsprechender Autor in einem französischsprachigen Umfeld. Ersterer schreibt in doppelter Einsamkeit, im zweifachen Exil, an der Peripherie. Ihm wird die Aufgabe zuteil, nicht nur mit der anderen großen existierenden Sprache zu verhandeln, sondern auch mit deren literarischem Ökosystem.

Durch diese exzentrische Lage wird die französische Sprache ein Zufluchtsort. Wie man auf sein Hotelzimmer fährt, um zu schlafen oder sich auszuruhen, nimmt man den Aufzug, um sich in die Sprache zurückzuziehen. Diese nahe Beziehung zur Sprache kann nicht die Anspannung überdecken, die für den frankophonen afrikanischen Autor bei der Arbeit am Text spürbar und vielleicht auch sichtbar ist. Als offizielle Sprache ist das Französische nicht mit der Dekolonisierung in der Versenkung verschwunden. Sie ist vom Kolonialstatus ins derzeitige System übergewechselt.

Ich arbeite daran, eine Sprache in der Sprache zu erfinden.

Viele koloniale Literatursprachen haben das Zeitalter des Misstrauens kurz nach den afrikanischen Unabhängigkeiten nicht überstanden. Nach Meinung des kongolesischen Schriftstellers Sony Labou Tansi muss die literarische Praxis auf Französisch einer Anpassung unterzogen werden. In seinen Augen sollte die französische Sprache die Realitäten des Kontinents zum Ausdruck bringen. Daher die Domestizierung, der er sie in seinen Romanen und seinen Theaterstücken unterwirft. Ahmadou Kourouma aus Côte d’Ivoire teilt seine Ansichten. Der Autor von Soleils des indépendances (auf Deutsch unter dem Titel Der letzte Fürst) spickt sein Französisch mit Malinké, einer Sprache West-Afrikas. Uns näher, nämlich von 2007, ist der Vorschlag einer zur Welt offenen, mit anderen Worten einer dezentralisierten Literatur aus dem Manifest Pour une littérature-monde en français (Für eine Weltliteratur auf Französisch), auf das der Sammelband Pour une littérature-monde mit Beiträgen mehrerer französischsprachiger Schriftsteller folgte. Was mich betrifft, versuche ich, das Problem in der Sprache selbst anzugehen – ist das Schreiben doch vor allem eine persönliche Tätigkeit – ohne den angeborenen und kollektiven Charakter des Unwohlseins aus den Augen zu verlieren. Ich arbeite daran, eine Sprache in der Sprache zu erfinden.

 

Die dritte Wohnung

Es war eine einzigartige Erfahrung, die mich dazu gebracht hat, auf Deutsch zu schreiben. Ab 2014 habe ich für zwei Jahre an einer Werkstatt für szenisches Schreiben teilgenommen. Ein echter Glücksfall. Die gesamte Bibliographie war auf Deutsch. Alle meine Werkstattkollegen schrieben auf Deutsch. Der Austausch mit den Dozenten fand auf Deutsch statt. Deutsch war Arbeits- und Schreibsprache. Und auch wenn ich zuvor schon ein paar ungelenke Sätze in der Sprache von Rilke und Goethe geschrieben hatte, offenbarte dieses komplette Eintauchen in ein anderes linguistisches und literarisches System eine wunderbare Unsicherheit.

Ohne Aufschub war ich mit dem Abstand zur Sprache konfrontiert. Kehren wir zum Bild der Sprache als Wohnung zurück. Ich plane einen zweiwöchigen Aufenthalt in Wien. Eine Freundin schlägt vor, mir ihre Wohnung zu überlassen. Ich nehme die Einladung an. Ich erreiche Wien, springe in die Tram, die mich vor ihrer Tür wieder ausspuckt. Ich betrete die Wohnung. Alles kommt mir fremd vor. Ich stelle meinen Koffer in eine Ecke und inspiziere die Räume. Ich versuche, den Fernseher einzuschalten. Er boykottiert mich. Mir fällt auf, dass man aus der Wohnung die ganze Stadt überblicken kann. Ich versuche, die Fenster zu öffnen, sie widersetzen sich mir. Auch das Passwort fürs Internet, um meine Mails abzurufen, habe ich nicht. Für ein paar Minuten irre ich durch die Wohnung und komme vor ihrem Bücherregal zum Stehen. Die dicht gedrängten Bücher scheinen keiner logischen Ordnung zu folgen. Nervös blättere ich in ihnen herum.

Wenn ich auf Deutsch schreibe, scheint es mir, als würden die Worte mir nicht ganz gehorchen. Ich kenne mich in der Kartographie der Sprache nicht aus. Ich navigiere auf Sicht, finde mein Glück nur in der Improvisation… Ich muss lernen, mit dem Mangel zu leben.

Manche Wörter, gar nicht mal wenige, schikanieren mich bis zur Migräne. Ich verfolge sie bis zu ihrem Ursprung.

Wenn ich auf Deutsch schreibe, ist die Wahl der Worte nicht zufällig. Jeder Satz wird durch den Wolf gedreht, jedes Wort auf Herz und Nieren geprüft… Es kommt vor, dass ich sechs oder sieben für eine einzige Stelle habe oder im Gegenteil keinen klaren Gedanken formulieren kann. So muss jedes Wort kämpfen – sich mühen, schwitzen, kotzen, Staub fressen, sich festklammern – um im Text zu überleben. Ich neige dazu, den Text zusammenzustreichen. Manche Wörter, gar nicht mal wenige, schikanieren mich bis zur Migräne. Ich verfolge sie bis zu ihrem Ursprung. Die etymologische Suche bringt mich von meinem eigentlichen Ziel ab. Ich verliere mich wie zwischen den Büchern der Freundin. Ich verfolge das Wort durch die Jahrhunderte, obwohl der Text auf der Stelle tritt. Im Gegensatz zum Französischen, wo die Mechanismen des Schreibens sich über die Zeit herausgebildet haben, fällt es mir auf Deutsch noch schwer, mir die Wohnung anzueignen, sie nach meinem Geschmack einzurichten, mir den Frevel und den Widerstand und den verführerischen Traum zu erlauben, die notwendig sind, um die (originäre Macht der) französischen Sprache zu „dekolonisieren“.

Ich fühle mich wie ein Säugling, wenn ich an einem Text auf Deutsch arbeite. Seit vier Jahren quäle ich mich mit dieser Aufgabe. Ein kleines Kind lässt sich immer wieder von seiner Umgebung in den Bann ziehen. Wir Erwachsenen sind gut darin, über die Schönheit der Welt und der Dinge zu schweigen. Das Kind hingegen kann sich mit allem beschäftigen, was ihm in die Finger gerät. Ein Stück Papier, ein Schlüsselbund, ein Glas, seine Spielsachen, der Mond, die Sterne, ein Stück vom Fluss… Ich lasse mich von den Worten mitreißen. Der Text wird ein weitverzweigtes Gebiet. Er öffnet sich wie mein Pass und vermischt Wörter aus dem steirischen Dialekt mit dem Deutsch des 18. Jahrhunderts und der Berliner Schnauze…

Es braucht mehr als ein Leben, um das Kindsein zu lernen und mindestens zwei, um in einer Sprache zu schreiben, die man erst im Erwachsenenalter erlernt.

Der Mond gehört mir nicht. Die Sonne gehört mir nicht. Das Meer gehört mir nicht. Um noch ein letztes Mal die Metapher der Wohnung zu bemühen, werden sich mir das Französische, das Swahili und sogar das Deutsche als Sprache zum Schreiben immer entziehen. Es braucht mehr als ein Leben, um das Kindsein zu lernen und mindestens zwei, um in einer Sprache zu schreiben, die man erst im Erwachsenenalter erlernt. Aber schon der Versuch bekräftigt mein Recht auf die Welt. Sicher sind wir verkorkst, unvollständig (ohne Kopf, ohne Bauch), aber es ist an uns, zu retten, was zu retten ist, den Schaden zu begrenzen und die Welt mit unseren Schreien zu erfüllen. Die Flüsse zuerst. Dann die Gebirge, die Blumen…

 

Von der Dringlichkeit einer neuen Genealogie

Meine ersten Autoren gehören zur französischen Literatur. In meiner Stadt war es einfacher, sich ein französisches Buch zu besorgen als beispielsweise einen einheimischen Autor. Lubumbashi war über Jahre das Epizentrum der kongolesischen Literatur. In der Bibliothek meines Gymnasiums gab es fast ausschließlich französische Literatur. Mit zunehmendem Alter begann ich, mich in meiner Literaturauswahl (um)zuorientieren. Meine Eltern ermöglichten mir diesen Luxus. Sie konnten mir stets das passende Buch kaufen. So habe ich meine literarische Landschaft langsam erweitert. Von der französischen Literatur habe ich mich anderen Sphären geöffnet.

Ich lernte schreiben und ich las, ich las und ich lernte schreiben. Schnell hat sich eine Genealogie aus Lieblingsautoren herausgebildet. Seit ich im deutschsprachigen Raum lebe, kamen einige neue hinzu. Ich arbeite an der Errichtung neuer Orte literarischer Erinnerung. Ich durchstreife die deutschsprachige Literatur wegen der Schönheit der Texte und der Dinge, die die Schriftsteller zur Sprache bringen, das heißt, wegen der Literatur im engen Sinne. Andererseits wollte ich immer schon die Literatur zu lesen, die in meiner unmittelbaren Umgebung geschaffen wird. Die literarische Sache findet ihren Ausdruck zunächst unter den Schriftstellern eines Landes, bevor sie sich anderen Himmeln öffnet. Da ich in der Steiermark lebe und zudem Schriftsteller bin, wäre es seltsam, nicht die unumgänglichen Werke der österreichischen Literatur zu lesen, die Schriftsteller, die mir etwas sagen, und diejenigen, deren Ansichten großen Widerhall in der Gesellschaft finden.

Wenn man seine Koffer in einer Stadt abstellt, erbt man ihre glückliche Geschichte und ihre Fresken. Man fügt sich ein in die literarische Landschaft, man unterhält Kontakte. Man schlägt Wurzeln. Bäume wachsen in den Himmel. Ich stehe in engem Austausch mit den Autoren meiner Generation. Lichtungen und Manuskripte, zwei der wichtigsten Literaturzeitschriften Österreichs drucken regelmäßig meine Texte. Wir arbeiten an denselben Orten, sind an denselben Festivals beteiligt und schleppen dieselben Unmäßigkeiten, Leidenschaften und Fragen an eine atemlose Welt mit uns herum.

Im Kontakt mit der österreichischen Literatur und insgesamt der deutschsprachigen Literatur entsteht in meinem Kopf eine neue Weltkarte. Ich überlasse mich der Poesie von Mayröcker und Jandl, Thomas Bernhard, Musil und Grass stärken meinen Glauben in die Prosa, die Aufrichtigkeit von Bölls Texten eröffnet mir neue Perspektiven, mein Geburtsland einzufangen, Aichingers Bemerkungen zum Krieg (Dieser so grausame wie wahre Satz „Der Krieg hat die Dinge geklärt“!) finden in mir Widerhall. Ich komme von einem anderen Fluss, von einer anderen Sonne, aus einer anderen Zeit, aber diese Texte sprechen zu mir als Mensch.

 

Wir sind aus demselben Fleisch gemacht

Der Kongo zeigt alle Symptome von Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Es ist ein Land, das alle schlimmen Rekorde brechen will: mindestens sechs Millionen Tote in einem seit 1998 schwelenden Krieg, fast vier Millionen Vertriebene… Alles muss neu aufgebaut werden. Als erstes der Mensch. Ein Schriftsteller aus diesem Land teilt die Sorgen seiner deutschsprachigen Kollegen nach dem Zweiten Weltkrieg. Was kann die Literatur bewirken? Beschreiben, analysieren, abwägen, dementieren, sich in den hohlen Bauch eines zerstörten Landes schlängeln, wie die Herolde der Ruinenliteratur und der Gruppe 47. Günther Eich, Ilse Aichinger, Siegfried Lenz, Böll und Ingeborg Bachmann schreiben sich in diese neue Genealogie ein.

Es ist nicht leicht, im trüben Wasser des Lebens mit seinen verschiedenen aufmüpfigen Stromschnellen zu rühren, zwischen dem Geburtsland und dem Aufnahmeland sein Paradies zu finden, aber man hat keine andere Wahl als zu kämpfen, das heißt, die Sonne zu zähmen, damit sie Tag und Nacht unsere Unsicherheiten bescheint.

Mein Flug geht in einer viertel Stunde.

Brüderliche Grüße,

Mwanza

 

PS: Ich verabschiede mich mit dem ersten Entwurf eines Gedichts, an dem ich gerade arbeite.

morgen, morgen, ist das große Fest, die BARAKA
ich werde die Sonne rauben
ich schleppe sie auf dem Rücken eines Tieres
bis in meine Küche
schlachte sie und lasse sie eine gute Stunde im Ofen

dann ziehe ich mein bestes Hemd an
und werfe meinen Hunger aus dem Fenster
stell dir den Dichter vor, wie er seine Sonne verspeist
die Sonne auf dem Teller
die Sonne im Kopf, die Sonne im Mund
die Sonne im Bauch

zur großen Freude des Ahnen, Mvidi Mukulu

 

 

Dieser Text entstand anlässlich des Europäischen Salons im Rahmen der Tagung Praxis Europa am 21. Oktober 2017 im Grillo Theater Essen. Das Kulturwissenschaftliche Institut Essen hatte fünf international renommierte Schriftstellerinnen und Schriftsteller eingeladen, ihren Blick auf das „kleine Kap des asiatischen Kontinents“ (Paul Valéry) zu richten. Entstanden sind literarische Beobachtungen, Einwürfe und Essays, die an diesem Abend vorgetragen wurden. Wir danken Fiston Mwanza Mujila, Prof. Dr. Claus Leggewie, Daniel Medin und Dr. Roman Léandre Schmidt.