Danke, liebe Jury, aber jetzt verleihen wir die Preise (I)


3. Mai 2018
von

Wir haben uns die ILP-Gewinnerbücher der letzten Jahre angeschaut. Und entschieden, einige Preise neu zu verleihen. Danke, liebe Jury, aber jetzt sind wir an der Reihe.



2010

In einer besseren Welt wäre Das Magnetische Land ein realistischer Text. Er würde einfach nur abbilden, was ist, nämlich die feine, überwältigende Verknüpfung aller Zeiten und Räume, das Vergessene und Unvergessene in der Geschichte des Menschen mit diesem Planeten und mit sich selbst. Der Text würde den globalen Alltag poetisch aufbereiten – mehr aber auch nicht. Vielleicht wären die Menschen gelangweilt von diesem Text, weil er ihnen nichts erzählen könnte, nichts, was für sie nicht selbstverständlich geworden wäre: Wir sind Einheit, wir sind Vielheit, wir sind unzertrennlich und das ist schön – aber so what?

Wenn wir heute einen Text von Édouard Glissant lesen (und verstehen), dann erstarren wir manchmal vielleicht in Ehrfurcht. Glissant ist ein Schreibtischtäter (seine Frau Sylvie Séma besucht die Osterinseln, über die Édouard in Das Magnetische Land also nur anhand ihrer Berichte schreiben kann), aber von seinem Schreibtisch aus, mit dem, was er zu greifen bekommt, fasst er die ganze Welt zusammen. Ja, Glissant ist Hegel und noch viel mehr. Er ist tollkühn, seine Poesie treibt alles zusammen und auseinander, bis es für uns fast nur noch “magisch” oder “surreal” wirkt – oder irrgendeine andere abgenutzte Kategorie. Wieso ist das so? Wieso sind wir so dumm? Ist das nicht traurig?

Ich würde Édouard und Sylvie gerne den Internationalen Literaturpreis verleihen, bis ihr Text über die Welt von der Welt überholt worden ist.

von Florian Lorenz

2011

Ich würde den Preis 2011 Mathias Énard für seinen schillernden Roman Zone verleihen. In diesem für das noch junge Jahrhundert bezeichnenden Roman nimmt Énard die Leser*innen mit auf seinen Streifzug durch die Geschichte des Kontinents und den Kontinent der Geschichte. Das Leitmotiv: Krieg und Auseinandersetzung, Antagonismus, List und Intrige. Diese atemlose tour de force wird auch in der formalen Gestaltung ohne Interpunktion realisiert als ein einziger nicht enden wollender Wortschwall. Énard macht dabei die Verwobenheit der Erzählungen, die Verstrickung von Orient und Okzident, die Universalität des Leids jenseits von gut und böse sichtbar und stellt somit auch für unsere Zeit die Frage nach hoffnungsloser Gewalt und übersetzendem Zusammenleben in zwingender Manier neu. Ein Meisterwerk!

von Kianush Ruf

2012

Zwar ist Mircea Cărtărescus rumänischer Postmodernismus ein großer grandioser metaphysischer Exzess, aber ich gebe den Preis und das ganze Geld mal Téa Obreht, weil bei ihr definitiv mehr Tiger vorkommen und ich das für gute Literatur als wichtig empfinde, denn der Tiger ist ein schönes Tier. Die Tigerfrau beschreibt die mystischen Verwirrungen eines Land ohne Namen in Südosteuropa (nicht Rumänien). Südosteuropa ist der geographische Raum, in dem 1.) eigentlich keine Tiger vorkommen und 2.) für Europäer sowieso alles möglich scheint, also auch Unsterblichkeit. Deswegen funktioniert das mit dem Magischen Realismus auch so gut außerhalb von Südamerika. In der Regel kann man sagen, je sozialistischer ein Land mal war, desto magischer sein Realismus. Und wenn das Land dann auch noch nicht konkret genannt wird, dann wird es so richtig magisch. Herzlichen Glückwunsch, Téa Obreht!

Anmerkung der Redaktion: Der Autor hat keinen der Romane gelesen, inklusive Téa Obrehts Die Tigerfrau.

von Rudi Nuss