Die Preisträger stehen fest

Aber noch müssen wir uns gedulden. Epitext hat sich mit Jury-Mitglied Sabine Scholl kurz nach der Entscheidungsfindung getroffen. Ein Gespräch über die Shortlist, die Arbeit als Jurorin und ihrer Stimmung nach der letzten Entscheidung.

Wie sehen sie aus, die Juror*innen des Internationalen Literaturpreis am Haus der Kulturen der Welt, zwei Minuten nachdem sie die Preisträger ermittelt haben? Gibt es Tränen? Geschrei? Überbordende Freude? Sekt? Werden mit dem Gewinnerbuch Selfies gemacht? Das kann ich nicht sagen, denn als ich in den Raum komme, sind alle beim Gehen, die Bücher liegen auf dem Tisch und ehe ich Menschen erkennen kann, steht plötzlich eine große Frau vor mir und reicht mir die Hand.

Sabine Scholl – Autorin, Literaturkritikerin, Universitätsprofessorin, in jeder Hinsicht im Literaturbetrieb verankert. Nach drei Jahren in der Jury des Internationalen Literaturpreises hört sie nun auf. Mit einem weinenden Auge schauen wir kurz auf ihre Arbeit und atmen tief durch, denn soeben wurde es ermittelt, das Gewinnerbuch 2017.

Sabine Scholl folgt mir in den Hof des HKW. „Unbedingt Schatten“, sagt sie, „und frische Luft. In diesem Raum dort ist es so unendlich stickig!“ Dieser Raum, das ist der, in dem gerade die Entscheidung fiel für das Preisträger-Duo. Wer, das erfahren wir alle morgen. Sabine Scholl weiß es natürlich, lächelt aber nur freundlich, als ich eine Frage in diese Richtung anzudeuten versuche. Also eine andere:

So kurz danach: Wie geht es Ihnen?

Sehr gut. (Sagt sie und setzt sich die Sonnenbrille auf.) Ich bin jetzt entspannt und zufrieden. Seit der Bekanntgabe der Shortlist hatte ich zwei Favoriten, einer davon ist es geworden, was will man mehr? Alle Bücher auf der Shortlist waren wirklich interessant und ich bin sehr froh, dass auch alle Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzer zum Fest am 6. Juli kommen werden.

Gibt es etwas, dass Sie den Shortlist-Titeln, die so knapp am Preis vorbeigeschrammt sind, mitgeben wollen?

Ich kann sagen, dass ich sehr glücklich bin über den diesjährigen Jahrgang. Ich bin nun schon zum dritten Mal dabei und freue mich über die Ausgewogenheit der Titel. Sie bilden so viele verschiedene Welten ab, repräsentieren so unterschiedliche Sprachen und Autorentypen und zeigen politisch ein breites Spektrum, das ist ganz wunderbar. Und natürlich hat jedes Buch auf seine Weise die Berechtigung, auf der Shortlist zu sein, und gleichzeitig die Ausstrahlung, die es braucht, um hier, im Zentrum Berlins, präsentiert und gefeiert zu werden.

Welcher dieser Punkte hat für Sie die größte Rolle bei der Entscheidung gespielt? Waren es eher ästhetische Motive, oder politische?

Das Gute am Gewinnertitel war eben, dass er sowohl aus ästhetischer Sicht sehr gelungen ist, als auch die politische Relevanz besitzt, die es braucht, um einen solchen Preis zu bekommen. Denn tatsächlich ist beides wichtig, es bedingt einander.

Sie sind selbst Autorin. Hat das in Ihre Entscheidung hinein gespielt?

Die Arbeit als Jurorin ist so umfangreich, so einnehmend, dass ich gar keine Zeit hatte, meine Autorenpersönlichkeit ins Spiel zu bringen. Man denkt so viel über die Texte selbst nach, als dass man noch über sich nachdenken könnte. Ich kann auch im Alltag, wenn ich mich so intensiv mit der Juryarbeit beschäftige, keine eigenen Prosatexte schreiben. Die Figuren der Bücher begleiten mich durch meinen Tag, die Stimme, der Ton des jeweiligen Buches. Ich steige da zu sehr in den Text ein, als dass ich in einen eigenen einsteigen könnte.

Wie sah denn Ihre Arbeit mit den Büchern aus?

Die erste Phase, wenn die Bücher eingereicht sind und eine Vorauswahl getroffen werden muss, empfinde ich immer als kritischste. Es kommen so viele Bücher und man hat neben der Arbeit so wenig Möglichkeiten, wirklich gut auszusortieren, was man tatsächlich profund lesen sollte, wo Potential drin steckt. Jeder muss da seinen Weg finden und seiner Urteilskraft vertrauen. Die Bücher, die jetzt auf der Shortlist sind, habe ich schon ziemlich am Anfang gelesen und war schon damals sofort begeistert. Und ich habe immer weiter gelesen und dachte, jetzt muss mal das Buch kommen, das die anderen in meinem Kopf verdrängt. Aber das geschah nicht. Ich war von Anfang bis Ende glücklich mit meiner Auswahl und bin auch jetzt sehr glücklich mit dem Preisträger-Duo.

Was war Ihre Motivation, damals vor drei Jahren, in die Jury des Internationalen Literaturpreises zu gehen?

Ich glaube, ich kenne mich ganz gut aus in der deutschsprachigen Literaturwelt. Ich habe schon vieles kennen gelernt, viele Kulturen bereist und zahlreiche Bücher gelesen. Ich unterrichte zur Zeit am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und habe auch so täglich mit unterschiedlichsten Literaturen zu tun. Ich glaube, durch mein gewonnenes Erkenntnisfeld kann ich ein gutes Spektrum abdecken und auch Literatur, die uns zunächst als fremd erscheinen mag, ganz gut beurteilen.

Sie haben sicher auch dieses wunderbare Foto gesehen, von der Eröffnung der Buchtage in Berlin, mit den sieben Anzug-tragenden Männern, die den deutschen Literaturbetrieb repräsentieren sollten?

(Da lacht sie erstmal laut auf.) Das war eine schöne Parodie, oder nicht? Leider war es keine. Man konnte es gar nicht glauben, als man das Foto gesehen hat! Es hat mich stark an das Foto des „Saudi-Arabischen Rat für Frauen“ erinnert, auf dem auch nur Männer zu sehen waren. Das ist quasi kontramotivisch.

Aber mal im Ernst: Dieses Bild war absolut vielsagend. Es illustriert wunderbar, wie der Literaturbetrieb von männlichen Netzwerken bestimmt ist und wie Frauen unter diesen Netzwerken arbeiten müssen. Das ist und war schon immer ein starkes Anliegen von mir, gegen diese Netzwerke an zu argumentieren. Darauf aufmerksam zu machen.

Darum habe ich auch bei der Ermittlung der Shortlist darauf geachtet, dass sie nicht, wie immer wieder im Literaturzirkus, (fast) ausschließlich männlich besetzt ist. Ich habe Titel nachnominiert oder angeregt, doch auch mal über andere Bücher nachzudenken. Ich habe stets in meinen Argumenten in den Jurysitzungen versucht, Bewusstseinsarbeit zu leisten. Und wenn man sich die diesjährige Shortlist anschaut, ist sie doch wunderbar ausgewogen.

Nun, nach drei schönen Jahren, wird Sabine Scholl jedoch die Jury verlassen. Nicht, weil sie das will, sondern weil es die Politik des Preises ist, niemanden länger als drei Jahre auf diesem Stuhl sitzen zu lassen. Und darum sind in diesem Jahr auch nur zwei Frauen unter den sieben Juroren, wo im Vorjahr noch vier waren. Doch auch das wird sich wieder ändern.

Sophie Sumburane

Geboren 1987 in Potsdam, studierte Afrikanistik und Germanistik an der Universität Leipzig. Bereits während des Studiums publizierte sie ihren ersten Kriminalroman und begann ihre Tätigkeit als freie Kulturredakteurin, der sie bis heute für unterschiedliche Journale nachgeht. Sie arbeitet an ihrem dritten Roman, der wie die beiden vorherigen auf dem afrikanischen Kontinent angesiedelt ist. Im November 2016 gründete sie außerdem das Online-Journal LitAfrika.com, welches sich die Förderung der Literaturen aus dem Subsahara-Afrika zur Aufgabe gemacht hat.