Den Bücherberg vorsortiert


22. Februar 2018
von

Mit einer verjüngten Jury geht der Internationale Literaturpreis in das zehnte Jahr. Zum Auftakt haben wir mit der Jurorin Katy Derbyshire über Ängste und Erwartungen in ihrer neuen Rolle gesprochen.



Die aus Großbritannien stammende Literaturübersetzerin Katy Derbyshire ist neu in der Jury des internationalen Literaturpreises am Haus der Kulturen der Welt. Sie selbst übersetzte unter anderem Christa Wolf und Clemens Meyer ins Englische und war für den Man Booker International Prize nominiert. Epitext-Redakteurin Sophie Sumburane traf sie vor der ersten Jury-Sitzung des Preisjahres 2018.

Sophie: Weißt du noch, wie du dich gefühlt hast, als du gefragt worden bist, ob du in der Jury mitarbeiten möchtest?

Katy: Na ja. Große Begeisterung kam zunächst nicht auf, da das Arbeitspensum bei ungefähr 120 eingereichten Titeln natürlich enorm ist. Andererseits können wir uns in der Jury das Lesen ein wenig aufteilen und uns gegenseitig Titel empfehlen. Damit hab ich mich dann überreden lassen. Denn im Großen und Ganzen ist das natürlich eine schöne Aufgabe und ich freue mich auf viele tolle Entdeckungen. Auf Bücher, die mich begeistern werden und die ich ohne diese Aufgaben hier wohl nie in die Hand bekommen hätte. Andererseits wird es sicher auch Bücher geben, die mich so richtig auf die Palme bringen. Bei denen ich denken werde: Oh Gott, wie schrecklich, dass das jemand mag! In einem solchen Fall freue ich mich auf die Diskussion mit den anderen Jurymitgliedern. Ich für meinen Teil habe das sonst in meinem Leben nicht, dass ich mit sechs anderen extrem belesenen Buchmenschen zusammen sitze, um auf höchstem Niveau über Bücher zu diskutieren.

Sophie: Der Preis ist ja nicht nur einer für die Autorin oder den Autoren, sondern auch für die Übersetzerin oder den Übersetzer. Du selbst übersetzt auch, allerdings in die andere Richtung, aus dem Deutschen – nicht ins Deutsche. Empfindest du das als Vor- oder Nachteil für dein Urteil?

Katy: Ich lese sehr viel auf Deutsch, oft auch auf eine andere Art, als andere Leser. Vielleicht habe ich dadurch eine Art Sonderblick und kann, ich möchte nicht sagen besser, aber anders erkennen, was gelungen ist und was nicht. Wo Liebe in der Übersetzung steckt, oder was zu gewollt ist. Was ich dagegen nicht merke, sind zum Beispiel Anglizismen in der Syntax, also wenn etwas einfach eins zu eins übertragen wurde. Da lese ich drüber weg und empfinde es als normal. Aber auch da bin ich natürlich nicht alleine in der Jury.

Sophie: Kannst du sagen, was ein potentielles Gewinnerbuch für dich haben muss?

Katy: Ich möchte beim Lesen mitgenommen werden und mich nicht durchkämpfen müssen. Worum es im Text geht, ist eigentlich zweitrangig. Ich wünsche mir eine gelungene Sprache und Mut. Die Figuren sind mir sehr wichtig, ich will sie verstehen können in ihrem Handeln und mit ihnen mitleben. Ansonsten will ich nichts lesen, was ich schon hunderte Male gelesen habe und ich erhoffe mir Klischeefreiheit. Natürlich sollten die Texte nicht vorhersehbar sein. Ich möchte spüren, dass sowohl die Autorin, als auch die Übersetzerin Spaß an der Arbeit hatte.

Sophie: Erhoffst du dir sowas wie einen Lerneffekt für deine eigene Arbeit?

Katy: Nicht konkret. Bei meiner ersten Jury-Arbeit beim Dublin Literaturpreis, wo sowohl übersetzte Texte als auch Originale eingereicht werden, habe ich gelernt, dass man wirklich nicht immer sagen kann, was übersetzt ist und was nicht. Ich mache das sehr oft mit meinen Workshop-Teilnehmern. Ich gebe Ihnen zehn kurze Absätze aus Texten und sie sollen raten, ob es sich um das Original handelt oder nicht. Und sie liegen häufig so herrlich daneben. Selbst bei sehr langen Sätzen, die ja oft der deutschen Sprache zugeschrieben werden, kann das ein Fehlschluss sein. Ich habe einfach Spaß an der Arbeit am Text.

Sophie: Du hast als Britin sicher auch den Artikel gelesen, in dem festgestellt wird, dass die britischen Bestsellerlisten aktuell von Frauen dominiert werden. Wie würdest du das bewerten?

Katy: Ich finde es erst mal nicht verwunderlich. Denn Frauen sind es, die in der Mehrzahl Bücher kaufen, da können sie auch in der Mehrzahl Autorinnen lesen. Wir haben uns nun lange genug in die Bücher von Männern und deren Befindlichkeiten eingefühlt, finde ich. Und wenn Frauen exzellent schreiben, wundert es mich nicht, dass sie sich gut verkaufen. Ich bezweifle aber, dass Männer dadurch zu Ladenhütern werden. Es freut mich einfach, dass Bücher von Frauen sich gut verkaufen, denn es sind oft sehr gute Bücher.

Sophie: Du selbst übersetzt nicht nur Frauen?

Katy: Nein. Ich möchte nicht ausschließlich Frauen übersetzten, denn Männer schreiben auch gute Bücher. Was stört, ist das Missverhältnis. Wir haben einmal für Großbritannien gezählt: Nur ¼ der ins Englische übersetzen Texte sind von Frauen geschrieben. Ich möchte nicht, dass sich dieses Verhältnis in meiner Arbeit spiegelt, darum suche ich schon auch gezielt nach Autorinnen, wenn ich vorher zwei Männer übersetzt habe. Und da gibt es viele gute Texte. Beispielsweise gibt es in meiner Heimat nun einen neuen Preis für Übersetzerinnen und Übersetzer, die das erste Mal einen Roman übersetzt haben. Fünf der sechs nominierten Titel sind von Frauen geschrieben. Das zeigt einerseits den Versuch der Übersetzer, diese Ungleichheit langsam auszugleichen. Andererseits wurden viele gute Autorinnen bislang auch einfach noch nicht übersetzt und liegen quasi reif da und werden nun endlich gepflückt. Man findet sie plötzlich überall, wo man sie vorher übersehen hat.

Sophie: So kurz vor deiner ersten Jurysitzung, was hast du bis jetzt erledigt, wie fühlst du dich?

Katy: Ich habe schon den Titelberg grob vorsortiert und ausgesucht, was ich unbedingt lesen muss und will. Und bin vor allem sehr gespannt. Ich weiß nicht, was auf mich zukommt. Ein kleines bisschen Angst habe ich natürlich auch. Kennst du das Impostor-Syndrom? Ich habe ein wenig das Gefühl der Hochstapelei und komme mir vor, als würde ich hier gar nicht hingehören. Aber das ist natürlich Quatsch, das weiß ich. Und darum freue ich mich auf das erste Zusammentreffen.