Die Vegetarierin

von Han Kang
aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee

1. Der erste Satz

„Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar.“

2. Der schönste Satz

„Das war die einzige Möglichkeit, um verkehrt herum von unten heraufzuwachsen.“ (S. 168)
„Ist es denn verboten zu sterben?“ (S. 164)

3. Der Plot in einem Satz

Aus drei Perspektiven wird die Annäherung einer jungen Frau an das Dasein einer Pflanze als ein Akt des stillen und erklärungslosen Widerstandes in einer latent gewalttätigen Gesellschaft erzählt, in der Yong-Hye auf Konsumierbarkeit und Funktionalität reduziert wird. / Menschliches Leben ist nicht unschuldig.

4. Mit dieser Figur würde ich einen Kaffee trinken, weil..

Mit allen Figuren, denn bei einem Kaffee könnte man verstehen lernen, redend oder schweigend. Vor allem aber mit Yong-Hye, deren Stimme im Buch keinen Platz hat und deren Schweigen mit Gewalt beantwortet wird.

5. Vor dieser Figur würde ich weglaufen, weil…

Vor Yong-Hyes Ehemann. Oder ihrem Vater? Oder doch dem Schwager? Für ersteren ist sie eine komfortable Partie, die die soziale Fassade des Normalen verkörpert und ansonsten seine körperlichen Bedürfnisse hauszuhalten hat. Eigentlich ist das Verwunderliche nicht, dass hier jemand zur Pflanze werden möchte und sich diesem vegetativen Dasein immer mehr annähert, sondern dass niemand realisiert, dass Yong-Hye schon vorher zur Zimmerpflanze gemacht wurde. Vor ihrem Vater, der unfähig zu Empathie, aber voller Zorn und brutaler Normativität steckt. Vor dem Liebhaber, der sensibilisierend um sich selbst kreist und dabei Yong-Hye zum Objekt seiner Kunst und seiner sexuellen Begierde gleichzeitig macht. Gewaltfreie Kommunikation gibt es hier nur in der Nicht-Existenz, im Tod.

6. Don’t judge this book by its cover. Oder doch?

Ja und nein, denn der purpurtrunkene Blumenexzess ist genauso wie das Stück rohe Fleisch einerseits zentrales Motiv und spiegelt Wunschtraum und Albtraum der im Verborgenen bleibenden Hauptfigur wieder. Zugleich sind darin auch 2 der 3 eingenommenen Perspektiven auf das Geschehen enthalten: Männliches Begehren nach dem Besitz von Fleisch und Blumen, Körper und sozialer Deko, als welche Frauen hier vorrangig von den männlichen Protagonisten behandelt werden. Zugleich führt das ästhestisierte Cover doppelt in die Irre: Das Fleisch verschwindet zwischen den Blüten und auf den ersten Blick sieht das Buch wie etwas aus, das man wohl als „erotisch angehauchte, leichte Frauenliteratur“ bezeichnen würde. Es ist aber das Gegenteil, der nie psychologisierende oder urteilende Bericht über ein leises, rätselhaftes Entschwinden aus einer repressiven wie gleichgültigen Sozialordnung, glasklare Prosa.

7. Das Buch erinnert mich an…

Bartleby the Scrivener, Mauern aus Glas, Papier essen.

8. Das sagt der Autor/die Autorin über sein/ihr Buch

„I think this novel has some layers, like questioning the possibility or impossibility of rejecting human violence, of obtaining innocence in a perfectionist way, and the difficulty of understanding others, defining madness and sanity, and so on. While I was writing the novel I felt those were very universal questions. I don’t agree with the reception that this novel is a singular indictment against Korean society or patriarchy. [But] there is a layer in the novel of the voice of women screaming silently,yes.” (Im Interview mit Sabine Peschel, DW)

9. Der schönste Satz, den ein Rezensent/eine Rezensentin über das Original geschrieben hat

„Der weibliche Vegetarismus wird zur Krankheit, während der männliche Weltentwurf und dessen sich durch die Jahrhunderte ziehende Blutspur die Normalität markiert.“ (Iris Radisch, die Zeit)
„Ihre Tochter verzehrt sich selbst, um sich ganz zu gehören. (Karin Janker, Sueddeutsche)

10. Der schönste Satz, den ein Rezensent/eine Rezensentin über die Übersetzung geschrieben hat

„Smith learned Korean only about six years ago […]. She inhabits the prose’s terrible serenity and glacial horror — the translator’s hand never overwhelms or underperforms. Both lithe and sharp, syntax and diction never become mechanical and obtuse the way bad translations often render something ‚foreign‘.“ (Porochista Khakpour, New York Times)

11. Der letzte Satz

„Lehnt sie sich gegen etwas auf?“

Sophia Lohmann

1992 geboren in München, lebt seit 5 Jahren in Berlin. Nach dem Bachelorstudium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft und Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin Wechsel in den Masterstudiengang der Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität. Durch kurze Stationen im Journalismus und in der Literaturvermittlung, Arbeit als HiWi am Peter-Szondi-Institut und eigenes Schreiben weiterhin der Literatur verbunden, daneben aber auch im Medium Film und Theater zuhause.