Warten auf den Walt Disney der Graphic Novel …

Ein Plädoyer für gezeichnete „Erzählliteratur“

 

Die Shortlist des Internationalen Literaturpreises 2016 steht fest, bald auch das Preisträger-Duo. Die Titel sind nach bestimmten (oder unbestimmten) Kriterien aus einer Vielzahl von Einreichungen ausgewählt worden. Aber was ist mit den anderen Werken passiert? Warum wurden gerade sie ausgeschlossen?

Die Jury hat viele, viele Bücher gelesen (151 Titel in diesem Jahr), die alle einem gewissen Anspruch gerecht werden. Sie hat kommentiert, verhandelt, abgewogen, schließlich sechs ausgewählt. Wie bei Aschenputtel wurde dabei aussortiert: Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Wobei es ganz so einfach nicht ist: Das Jurieren ist ein komplexer und viel diskutierter Prozess. Doch noch bevor der große Bücherwust unter den Jurorinnen und Juroren zur Erstlektüre aufgeteilt wurde, hat bereits ein stiller Selektionsprozess anhand formaler Kriterien stattgefunden.

Es sind die Eintagsfliegen des Preises: Kaum auf der Welt, ist ihr Leben schon wieder vorbei. Werke, die nicht den Regularien des Preises entsprechen, werden ausgemustert. Das kann den Zeitpunkt der Übersetzung oder Veröffentlichung betreffen, denn: Die eingereichten Titel müssen innerhalb der letzten zehn Jahre in Originalsprache erschienen sein und zwischen Frühjahr des Vorjahres und Frühjahr des aktuellen Preisjahres in deutscher Erstübersetzung erscheinen. Klare Fakten also, Zahlen, die unumstößlich sind. Doch dann heißt es in den Bedingungen noch, dass die Titel Werke der internationalen, zeitgenössischen erzählenden Literatur sein müssen. Eine wesentlich problematischere Kategorie. Denn was ist unter „erzählender Literatur“ zu fassen? Fallen alle Gedichte, Graphic Novels sowie journalistische beziehungsweise Sachtexte automatisch heraus? Obwohl auch diese Genres einen erzählenden Charakter haben können und der Begriff der Literarizität sehr unterschiedlich interpretiert und weit gefasst werden kann? Tut man diesen Werken also Unrecht?
In der Wikipedia wird „Graphic Novel“ immerhin mit „illustrierter Roman“ oder „Grafischer Roman“ übersetzt, und der Roman ist wohl seit dem 17. Jahrhundert der Inbegriff der Erzählung. Hätten Graphic Novels also nicht auch ein Recht auf Wirkung, auf ein Dasein im Rahmen des Internationalen Literaturpreises?

Natürlich könnte man argumentieren, dass der Internationale Literaturpreis deren Bedeutung nicht schmälert, sie nur in diesem Kontext nicht einbezieht. Niemand würde beispielsweise die Relevanz von Riad Satouffs Der Araber von morgen oder auch Art Spiegelmanns vielfach preisgekrönter Graphic Novel Maus abstreiten. Dennoch könnte man argumentieren, dass nun einmal an bestimmten Stellen Grenzen gezogen werden müssen. Dass es ein „unverhältnismäßiger Aufwand“ wäre, auch solche Spielarten erzählender Literatur einzubinden. Dass für ein Preisträger-Trio noch mehr Gelder nötig wären, falls Zeichnerinnen und Zeichner nicht zugleich Autorinnen und Autoren sind. Dass es andere Preise gibt, die sich darum kümmern, explizit darauf ausgerichtet sind (zum Beispiel der Hamburger Graphic-Novel-Förderpreises „Afkat“). Das sind alles gute Gründe, Graphic Novels nicht zu den preiswürdigen Werken beim Internationalen Literaturpreis zu zählen. „Wir haben uns gegen Graphic Novels entschieden, konzentrieren uns also auf reine Sprachkunstwerke“, hielt Jörg Plath dementsprechend nach der ersten Jurysitzung fest. (Immerhin merkte er an, dass man bezüglich anderer Gattungen in der Diskussion sei: „Wir haben immer wieder diskutiert, inwieweit nicht fiktive Werke, also dokumentarische oder biografische Erinnerungswerke mit einem stärkeren Anteil an Realien, auch von uns prämiert werden können.“)

Vielleicht ist der Grund aber gar nicht intern im Internationalen Literaturpreis zu finden, sondern viel umfassender im Literaturbetrieb verankert? Vielleicht braucht es „einfach“ einen Walt Disney der Graphic Novel, der alles verändert?
Der Zeichentrick stand Ende der Dreißigerjahre vor einem ähnlichen Problem wie die Graphic Novel heute. Gezeichnete Filme waren nur für die Zielgruppe „Kinder und Jugendliche“ und/oder „Comedy“ bekannt. Walt Disney wollte diese Stigmatisierung durchbrechen, er wollte sein geliebtes Genre zur künstlerischen Akzeptanz führen.
Monatelang arbeitete er mit seinem Team an Schneewittchen und die sieben Zwerge, dem ersten abendfüllenden Disney-Zeichentrickfilm. Und als endlich die Premiere lief, saß er gebannt mit im Zuschauerraum. Anstatt seinen Film anzusehen, beobachtete er das Publikum – die Reaktionen, die Stimmung im Kinosaal, die Emotionen. Und er fand all das, was er sich gewünscht hatte: Das Publikum war verträumt, nachdenklich, fröhlich, gerührt – in jeder Szene spiegelten die Gesichter des Publikums ein neues Gefühl. Und schließlich – Schneewittchen liegt weiß und tot in ihrem Sarg, die sonst so lustigen Zwerge weinen dicke Tränen, der Prinz kommt, doch zu spät – sah Walt Disney das, was er wirklich bei seinen Zuschauern auslösen wollte: Sie weinten. Erwachsene Menschen, die über ein gezeichnetes, animiertes Märchen weinten. In diesem Moment wurde über die Bedeutung und Wirkung gezeichneter Geschichten entschieden. Denn sie hatten die Macht, eine andere Wirklichkeit zu erschaffen; eine Wirklichkeit, die erwachsene Menschen in ihren Bann zog, an die sie glaubten; an die sie so sehr glaubten, dass sie über Schicksale in dieser neuen Wirklichkeit weinten. Doch trotz dieses zukunftsweisenden Erfolgs (der im Übrigen auch kommerziell in Zuschauerzahlen messbar war) blieb die Anerkennung zunächst aus. Disney gewann den heiß begehrten Oscar nicht. Nicht sofort jedenfalls …

Vielleicht nimmt die Graphic Novel im heutigen Literaturbetrieb eine ganz ähnliche Rolle ein. Das Genre wird zwar inzwischen von vielen ernst genommen, an Universitäten besprochen und als eigene, literarische Gattung anerkannt, allerdings scheinen Graphic Novels noch nicht in der Mitte des Literatur- und Literaturpreisbetriebs in Deutschland angekommen zu sein. Es gibt sie zwar, die Spartenpreise speziell für Graphic Novels, aber die großen, bedeutsamen Literaturpreise zählen das Genre meist nicht dazu. Vielleicht braucht es also eine Art „Initiative 2. Chance“ für diese aussortierten Werke, die Eintagsfliegen im Preisbetrieb. Oder es braucht einen Walt Disney der Graphic Novel, der mit großer Medienaufmerksamkeit viele Menschen erreicht und bewegt. Der nicht nur die Herzen der Menschen gewinnt, sondern auch die Anerkennung im Literaturbetrieb. Selbst wenn es wie bei Disney Jahre dauert.

Ein Beitrag von Franziska Schatte