Preise und Juroren: Verschiedene Blickwinkel

Jurorin Sabine Scholl über Literaturpreise.

Sabine Scholl bei der zweiten Jurysitzung 2016

Sabine Scholl bei der ILP-Jurysitzung zur Shortlist 2016

Literaturpreise sind Instrumente zur Gewinnung von Aufmerksamkeit in allen Aktionsfeldern des Betriebs. Aufgrund von Preisen aufgewertete Werke werden ausreichend beworben, in Buchhandlungen angeboten, werden gekauft, gelesen, besprochen, die Autoren werden zu mehr Lesungen mit höheren Honoraren geladen, bekommen Kredit bei Verlagen und das Interesse für folgende Projekte ist ihnen sicher. – Wie aber kommt eine Jury zur Auswahl dieser guten Literatur und nach welchen Gesichtspunkten verfährt sie?


Idealerweise setzen sich Jurys aus Mitgliedern verschiedener Bereiche des Betriebs zusammen. In der Diskussion um die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2015 wurde deutlich, dass jedoch Entscheidungen bereits vor der Juryarbeit fallen und zwar von den Preisstiftern, die jährlich glaubwürdige Juroren wählen. Für den Buchpreis sind die Vor-Entscheider „der Buchmessendirektor, die Kulturstaatsministerin, der Präsident des Goethe-Instituts, der Vorsteher des Börsenvereins sowie weitere Funktionäre der Buchbranche, aber auch ein Vorstandsmitglied der Deutsche Bank Stiftung – schließlich mit dem jeweiligen Kerr-Preisträger des Vorjahres auch ein Literaturkritiker„. Moniert wurde nun, dass nur zwei echte Kritiker dieser Jury angehörten. Die anderen seien bloß Buchhändler und Kulturschaffende.

Die in die Jury Berufenen lesen und beurteilen nun komplexe und ästhetisch anspruchsvolle Bücher unter Zeitdruck und in Überfülle. 400 Titel pro Halbjahr seien zum Preis der Leipziger Buchmesse zu prüfen, bestätigt Hubert Winkels, einer der Hauptakteure des deutschsprachigen Preiswesens. Aus den Einreichungen wird nach ein paar Monaten eine Longlist erstellt, schließlich eine Shortlist, dann der preiswürdige Text gewählt.
Während in der privaten Lesezeit die jeweils eigenen Kriterien der Juroren zur Auswahl beitragen, kommt es in den Sitzungen zu Dynamiken, in denen nicht allein die Preiswürdigkeit dieses oder jenes Buches den Ausschlag gibt, sondern unter anderem auch die sprachliche Gewandtheit des Jurors, seine Machtposition in der öffentlichen Meinungsbildung, im Verlagswesen, in der Hierarchie. Nicht die besseren Argumente, sondern die besser vorgebrachten Argumente schaffen es zu überzeugen.

Für meine eigene Lektüre trug ich – durch Selbstbeobachtung – folgende Kriterien zusammen: Konstruktion, Schlüssigkeit, Spannungsbogen, Figurenaufbau, Motivation, Erzähltechniken, inhaltliche und formale Innovation. Wie wird Faktenwissen aus Geschichte, Politik, Wissenschaft etc. eingearbeitet? Wie steht es um die realpolitische Aktualität? Wird der Text gegebenenfalls mit Wissen überladen? Zeigt er eine vielfältige Welt oder bleibt er auf ein Milieu beschränkt? Der Lesevorgang ist jedoch nicht nur analytisch geprägt, wichtig ist auch, ob und wie ein Text nachwirkt. Wie verändert das Buch den Leser? Was bleibt nach drei Tagen als Eindruck haften? Was nach drei Wochen?

Bei der Vergabe eines Preises für Internationale Literatur sollte zusätzlich Globalgeschichtliches bedacht werden. Immerhin handelt es sich um Preise, die von der Ersten Welt möglicherweise an Autoren aus Drittweltländern vergeben werden. Ob das überhaupt politisch legitim ist, wurde bisher kaum diskutiert. Verfälscht wird das Ergebnis auch durch die Originalsprachen der jeweiligen Bücher, deren Wertigkeit abnimmt, je kleiner und bedeutungsloser sie im Gefüge der Weltsprachen sind. Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit ins z. B. Deutsche übersetzt und publiziert zu werden. Je spezieller der Sprachraum, desto schwieriger und aufwendiger die Vermittlungsarbeit.
Eine heikle Frage bleibt außerdem, ob die Kriterien für gute Literatur der Ersten und der Dritten Welt andere sind und sein sollen. Oder anders gefragt: Was wird mit einem derartigen Preis eigentlich anerkannt? Soll ein in westlicher Manier komponierter, literarisch komplexer Text, eine Übereinkunft intellektueller und ästhetischer Art, als höchstes Maß gelten? Oder ein unter anderen geschichtlichen, politischen, sozialen, sprachlichen Voraussetzungen gebildeter Text, der den westlichen Kriterien eben nicht entspricht, und vielleicht in seinem Wert daher nicht angemessen beurteilt werden kann? Weil die Entscheider Konventionen folgen, auf die sich eine Kombination von Literaturkritik, Literaturproduktion, Literaturvertrieb und Leserschaft irgendwann einigt? Dazu kommen zahlreiche Übersetzungsfragen nicht nur sprachlicher Natur, wie kürzlich bei einem Übersetzertreffen Lucien Leitess, Leiter des auf Literatur anderer Kulturen spezialisierten Unionsverlags, am Beispiel des Arabischen betonte. Arabische Literatur wirke auf westliche Leser oft zu emotional. Der Westen habe „durch die Romantik gelernt, die Liebe zu ironisieren“. Daher werde von Übersetzern nicht eins zu eins übertragen, sondern stilistisch an die deutsche Kultur und deren Sprachgebrauch angepasst.

Jurysitzung 2016

ILP-Jurysitzung zur Shortlist 2016

Soll also bereits Bekanntes und Vertrautes belohnt werden? Oder wollen wir erfahren, was wir kaum kennen, nur oberflächlich erahnen, auch wenn der Text – von hier aus gesehen – erzählökonomisch ungewohnt verfährt?
Mein Lieblingsbeispiel hierfür ist Haruki Murakami, der außerhalb Japans gerne gelesen, als hervorragender Autor gefeiert und als Prototyp moderner, japanischer Literatur angesehen wird. Japanische Kollegen allerdings nennen andere Einschätzungen und Gründe. Murakami sei deshalb im Westen so erfolgreich, weil er sich westlichen literarischen Mustern angepasst habe und vor allem weil seine Sprache sowie seine Botschaft einseitig und unterkomplex seien. Dies ließe sich nun mal leichter ins Englische und Deutsche übertragen als die wahren Meister japanischer Literatur, von denen wir eben gar nichts wissen, weil wir nicht Japanisch können, und weil es wegen ihrer Komplexität auch schwierig ist, fähige Übersetzer zu finden. Jeder westliche Murakami-Leser hat hingegen den Eindruck, dass er mit der Lektüre seiner Romane tiefen Einblick in die japanische Kultur und Denkweisen erhalte.

Hat der Juror also in einer ersten Leserunde Unpassendes und Uninteressantes aussortiert, die Auswahl verringert, so spiegeln sich die Werke wechselseitig, werden Erzähl- und Vermittlungsweisen, sprachliche Genauigkeit gegeneinander abgewogen. Zur Erstellung einer Shortlist kommen schließlich Aspekte, die mit der eigentlichen Qualität der Texte gar nichts zu tun haben, z. B. Entscheidungen, ob dies ein Erstlingswerk ist oder ob der Autor bereits mehrere eindrucksvolle Texte veröffentlicht hat. Sollen Texte bzw. Autoren, die kürzlich einen anderen Preis erhielten, in der Auswahl beibehalten werden oder nicht? Die Erfahrung zeigt, dass oft das Prinzip „The winner takes it all“ zum Zuge kommt. Bereits Bepreiste erhalten weitere Preise, weil auch der Preis und seine Stifter ihre Interessen vertreten und diese konzentrieren sich vor allem auf den Faktor Aufmerksamkeit. Zu erreichen am besten, wenn ein Autor, der bereits höchste Beachtung erfahren hat, auch den nächsten Preis erhält. Aufmerksamkeit ist die höchste Währung.

Und auch hier gilt: Idealerweise sollte der Autor guter Literatur männlich sein. Die Wahrscheinlichkeit wichtige Preise zu erhalten ist einfach viel höher. Die amerikanische Autorin Nicola Griffith stellte Diagramme ins Netz, die dies verdeutlichen. Dabei achtete sie auch auf das Geschlecht der in Preisbüchern beschriebenen Figuren und kam zu folgenden Ergebnissen: Beim Pulitzerpreis gingen während der letzten 15 Jahre 8 Preise an Bücher von Männern über Männer, 3 Preise an Bücher von Frauen über Männer, 3 an Bücher von Frauen über Frauen und Männer, keine Preise erhielten Bücher von Frauen über Frauen sowie Bücher von Männern über Frauen. Beim Man Booker Prize und beim National Book Award lief es ähnlich.

Für den deutschsprachigen Raum errechnete die Journalistin Birte Vogel 2015 Prozentzahlen. Die Kategorie des Geschlechts der Romanfiguren ist in dieser Aufstellung leider nicht berücksichtigt. Sie kam auf folgende Anteile für Bücher von Frauen: Nobelpreis für Literatur 11,8 %, Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 12,1%
Büchnerpreis: 14,9 %, Bremer Literaturpreis 13%, Bachmannpreis 36,1%, Deutscher Buchpreis 60%, Preis der Leipziger Buchmesse 15%, Schweizer Buchpreis 28,6%, Erich-Fried-Preis 24 %. Das ist, bedenkt man den mittlerweile hohen Anteil an veröffentlichenden Autorinnen, erstaunlich und weist auf die Vorherrschaft männlicher Netzwerke unter Autorenkollegen wie Kritikern, sowie auf eine Höherbewertung von männlicher Thematik und Weltsicht auch unter weiblichen Juroren, jedoch sicherlich nicht auf die mindere Qualität der von Autorinnen verfassten Literatur.

Ein gekürzter Auszug aus „Was ist gute Literatur“ von Sabine Scholl, erschienen in „Der Hammer“, April 2016, Wien