„Ich bin angekommen“

Heimweh – eine Reihe über das Schreiben im Ausland

Wolftraud de Concini ist in Böhmen geboren, in Deutschland aufgewachsen und lebt seit 1964 in Italien. Als Stadtschreiberin des Deutschen Kulturforums 2015 schrieb und wohnte sie in Pilsen.

Heimweh? Weh nach welchem Heim?

Angereist bin ich gleich nach Ostern, angekommen ein paar Stunden später. Als ich zum ersten Mal mit dem Fotoapparat durch die Stadt ging. Ich merke es jedes Mal: Wenn ich nach kurzen italienischen Unterbrechungen wieder nach Pilsen zurückkehre und den Fotoapparat in die Hand nehme, bin ich angekommen. Auch wenn ich „über den Berg“ gegen die Stadt fahre und den Kirchturm der Kathedrale sehe. Bauchweh und Herzklopfen. Was ich in meiner italienischen Wahlheimat nicht bekomme.

Ich stelle den Wecker gegen acht. Wie zu Hause. Ich frühstücke mit Butter, Marmelade, Honig, Käse, Schinken und Kaffee. Wie zu Hause. Dann wird es anders. Zu Hause in Italien einkaufen, kochen, Geschirr waschen, bügeln, sauber machen. Am Abend schreiben und übersetzen. Wenn ich nicht zu müde bin. In Pilsen kein Einkaufen, kein Kochen, kein Geschirrwaschen, kein Bügeln, kein Saubermachen. Nur Leute treffen, interviewen, fotografieren. Im Kaffeehaus sitzen. Und am Abend Fotos auswählen, Texte schreiben. Bis nach Mitternacht. Ohne Müdigkeit. Hier in der Ferne – in meiner böhmischen Heimat? – schreibt es sich leichter. Nicht schneller. Nur leichter, froher.

Ich bin angekommen,

wenn ich die Engelsköpfchen an der Bartholomäuskirche berühren kann

wenn ich die Engelsköpfchen an der Bartholomäuskirche berühren kann

Fluss_2138 Kopie

wenn ich die Pilsner Flüsse wieder und wieder fotografiere

wenn ich die Pilsner Flüsse wieder und wieder fotografiere

wenn ich am modernen, Wasser speienden Brunnen vor der alten Kathedrale stehe

wenn ich am modernen, Wasser speienden Brunnen vor der alten Kathedrale stehe

wenn ich die unförmige Alte Synagoge sehe und die aufdringlichen Reklameschilder, die mir die Stadt doch so anziehend machen

wenn ich die unförmige Alte Synagoge sehe und die aufdringlichen Reklameschilder, die mir die Stadt doch so anziehend machen

wenn ich durch die Oberleitungen der Straßenbahnen gegen den so oft blauen Himmel blicke

wenn ich durch die Oberleitungen der Straßenbahnen gegen den so oft blauen Himmel blicke

wenn ich meinen geliebten türkischen Kaffee bei Goran trinke

wenn ich meinen geliebten türkischen Kaffee bei Goran trinke

wenn sich um mich die weite böhmische Landschaft auftut

wenn sich um mich die weite böhmische Landschaft auftut

wenn ich Hautcremes und Lotions und Zahnbürste und Nagellack und was ich sonst noch täglich brauche, fein säuberlich in meinem kleinen Bad in meiner kleinen Pension angeordnet habe

wenn ich Hautcremes und Lotions und Zahnbürste und Nagellack und was ich sonst noch täglich brauche, fein säuberlich in meinem kleinen Bad in meiner kleinen Pension angeordnet habe

wenn ich aus dem Fenster meiner Pension blicke und mich nichts und niemand vom Schreiben abhalten kann

wenn ich aus dem Fenster meiner Pension blicke und mich nichts und niemand vom Schreiben abhalten kann

Dann weiß ich: Jetzt bin ich wieder da. In meiner böhmischen Heimat. Nach der soll ich Heimweh haben? Ich bin ja hier.

Fotos und Text: Wolftraud de Concini

Heimweh fragt Autor*innen nach ihrem Schreiben (als Stipendiat*innen) im Ausland, fernab ihres geregelten Schreiballtags.