„Ich würde mir wünschen, dass die Literatur die Welt verbessern kann“

„Im Stein“ ist ein Roman über Prostitution. Ort der Handlung ist eine namenlose ostdeutsche Großstadt. Christian Wollgast hat mit der Übersetzerin des Romans ins Englische, Katy Derbyshire, über das Übersetzen, über Ostdeutschland und über das Thema Sexarbeit in der deutschen Literatur gesprochen.

Ich möchte gerne einsteigen mit deinem Werdegang. Du hast nämlich Germanistik studiert.

Ja, in England, das war aber nicht sehr nützlich, wurde hier auch nicht anerkannt. Ich habe also den Bachelor gemacht und mit 23 bin ich dann endgültig hierher nach Berlin gezogen. Erstmal habe ich mehrere Jahre gejobbt. Dann habe ich mir überlegt, was ich machen kann, womit ich auch wirklich ordentlich leben kann, nicht mehr von der Hand in den Mund. Da hat sich das Übersetzen angeboten. Zunächst habe ich als Fachübersetzerin gearbeitet und dann kam dieser missionarische Impuls, dass ich die Bücher, die ich geliebt und gelesen habe, teilen wollte mit Leuten, die kein Deutsch sprechen. Das war also der Anfang, das war die Motivation, Literatur zu übersetzen.

War es die Liebe zur Sprache oder zur Literatur, die dich zu deinem Studium bewogen hat?

Das weiß ich gar nicht mehr. Mit 18 habe ich mich einfach für ein Fach entschieden. Vor dem Studium habe ich wenig gelesen. Wir lasen in der Schule Peter Handke, was ehrlich gesagt nicht dazu motiviert hat, Germanistik zu studieren. Aber das Fach Deutsch war insgesamt spannend. Wir waren auch in Berlin für zehn Tage, direkt nach der Wende 1990. Außerdem hatten wir ein bisschen über die deutsche Geschichte gelernt und aus irgendeinem Grund hat es dann Sinn gemacht, Germanistik zu studieren.

Du sprichst die deutsche Geschichte an: Im Stein ist ein Roman, der in einer ostdeutschen Großstadt die Entwicklung der Prostitution nach der Wiedervereinigung thematisiert. Wie ist das, so einen Roman ins Englische zu übersetzen?

Es gab eine sehr „schöne“, eigentlich auch prägende, eine besondere Sprache in der DDR. Das geht in zwei Richtungen. Einmal in der Bürokratie: Es gab Begriffe wie „Abschnittsbevollmächtigter“, die es im Westen vermutlich nicht gab. Solche Begriffe versuche ich, wortwörtlich zu übersetzen, damit die Leserinnen merken, hier ist etwas merkwürdig. Und zweitens gab es natürlich den Slang. Ich glaube, das ist immer schwer, wahrscheinlich wird das in der Übersetzung überlesen. Ich weiß auch nicht, ob westdeutsche oder junge Leser heute noch wissen, dass zum Beispiel „Kunde“ ein ostdeutscher Slang für „Typ“ war. Gerade bei Clemens Meyer ist die Prosa sowieso so stark, dass man diese Atmosphäre eigentlich in jeder Sprache mitbekommt. Ich weiß nicht, ob es stimmt, ich hoffe es. (Sie lacht)

Um beim Thema Ostdeutschland zu bleiben: Musstest du viel recherchieren oder kanntest du dich mit dem Thema bereits aus?

Also ich war nie in der DDR, während sie noch existierte. Ich bin aber seit 1990 kontinuierlich in Berlin gewesen, im Osten hauptsächlich. Ich kenne viele Ostberliner, ich hatte auch mal angeheiratete Verwandte. Ich kannte einige Jungs aus der Generation von Clemens Meyer, allerdings nicht so viele Leipziger. Ein paar dieser Leute waren früher hooliganmäßig unterwegs, heute wahrscheinlich eher weniger. (Sie lacht) Ich höre eine mir bekannte Sprachmelodie heraus, wenn Meyers Figuren sprechen.

Ich würde dir gerne noch ein paar Fragen zu deiner Arbeitsweise stellen. Von wo arbeitest du?

Ich arbeite eigentlich selten zuhause, ich habe einen Schreibtisch in einem Gemeinschaftsbüro um die Ecke. Gerade bei diesem Buch war das auch sehr hilfreich, denn es gibt es mehrere Stellen, mit denen ich mich nicht in meinen Privaträumen beschäftigen wollte. Da sind diese Mädchen, ungefähr so alt wie meine Tochter, und ich wollte meine Umgebung damit nicht vergiften. Das klingt jetzt etwas esoterisch, aber ich rede immer davon, dass ich mich wirklich in das Buch hineinbegebe. Und da muss ich dann auch wieder raus. Deshalb ist diese räumliche Trennung nützlich.

Und wenn du dich in den Roman begibst, aber dann Schwierigkeiten bei der Übersetzung auftauchen: Wie gehst du vor, wenn du dir an einer Stelle nicht sicher bist?

Das ist unterschiedlich. Wenn ich Verständnisfragen habe, kann ich die Autoren fragen, die meisten leben noch. Das versuche ich aber nicht so zu überstrapazieren, weil ich auch mein Verständnis von dem Buch vermitteln will. Aber wenn ich partout nicht weiß, was das heißen soll, dann frag ich den Autor. Wenn ich wissen will, was für eine Klangfarbe ein Begriff hat, frage ich Freunde. Ich bin außerdem facebooksüchtig. Dort frage ich oft nach, weil ich weiß, dass ich eine gute Mischung aus Antworten bekomme: Von Leuten, die kein Deutsch können, von Kolleginnen, die auch schon mal bestimmte Wörter übersetzt haben und von Deutschen, die sich gerne mal in solche Gespräche einmischen, aber nicht so richtig beurteilen können, wie das passend übersetzt wird. Das ist günstig, denn gerade bei „Im Stein“ habe ich viel Terminologierecherche machen müssen. Das war ein bisschen haarig, weil es um Sexarbeit geht und wie über diese Arbeit geredet und geschrieben wird. Es gibt zum Beispiel eine Zeitschrift von Sexarbeiterinnen für Sexarbeiterinnen in den USA, „$pread“ heißt sie. Davon habe ich eine Anthologie gelesen. Es gibt auch Webseiten, wo Freier miteinander reden, das hat ein wenig meine Sicht auf die Welt verändert. Da gibt es ein Glossar, wo die ganzen Abkürzungen aufgeführt werden, das war sehr wichtig. Allerdings wird, je nach Gesetzeslage und je nach Gesellschaft, unterschiedlich über Sexarbeit geredet. Das heißt, manche Sachen habe ich einfach erfunden, erfinden wollen. Zum Beispiel gibt es einen ganzen Themenkreis im Buch, wo die Frauen nicht von Kunden reden, sondern von Gästen. Das ist aber in Ländern, wo Wohnungsprostitution nicht erlaubt ist, anders. Da gibt es dann keine „Gäste“, da geht man zusammen ins Hotel. Den Ausdruck „Gäste“ wollte ich dann aber auch beibehalten, deshalb heißen die auf Englisch dann auch „guests“.

Wo traten bei der Übersetzung sonst noch Schwierigkeiten auf, abgesehen von diesem Glossar der „Dienstleistungen“?

Eine Sache war schwierig, aber das ist eine schöne Schwierigkeit: Die ganze Musik in dem Roman. Das erste Drittel ungefähr ist aufgebaut mit Kapitelnamen aus Liedern der Neuen Deutschen Welle, die natürlich außerhalb des deutschsprachigen Raums kein Schwein kennt. Da hat Clemens Meyer auch ein Veto eingelegt, die durfte ich nicht rauswerfen. Also habe ich sie behalten und dann ergänzt mit Achtzigerjahre Pop-Liedern, die meine Leser kennen. Da ist auch das Kapitel „Sag zum Abschied leise Servus“, das hat mir den Kopf auf eine sehr angenehme Art und Weise zerbrochen. Im Englischen heißt es jetzt „My Huckleberry Friend“ aus dem Lied Moon River. Denn ich brauchte einen langsamen Walzer und das Kapitel handelt auch von Freundschaft und damit war ich zufrieden. Das sind die Sudoku-Momente, wo ich mich freue, dass alle Teile passen: Ich habe so viel gerettet wie möglich und so kreativ gearbeitet, wie ich mir erlauben will. Darauf kann ich dann stolz sein.

Gibt es auch Stellen, an denen du gemerkt hast, dass deine Übersetzung einen Unterschied macht?

Gerade diese Pop-Bezüge, das sehen andere Leute sicher anders, aber ich finde, man darf sie ruhig im weiteren Sinne übersetzen. Das heißt, wenn da ein Bezug ist, bei dem ich weiß, jeder deutsche Leser kennt diese fünf Wörter und kann sofort mitsingen, wenn er diese Wörter liest, dann will ich, dass meine Leser eine ähnliche Erfahrung haben. Da muss ich dann suchen und fragen und gucken. Das ist schwer, aber schön. Und dann natürlich klassischerweise Wortspiele. Ich will bei der Übersetzung das Spielerische erhalten und nicht die Wörter. Da sind zwei Kapitel von Ecki, wo es pro Zeile drei Wortspiele gibt und da will ich den Klang beibehalten und nicht unbedingt am Sinn kleben.

Denkst du, man muss als Übersetzerin dann auch offensiv die eigene Kreativität einbringen, um die Stimmung zu erhalten?

Das kommt sehr aufs Buch an, ich will jetzt keine Regeln aufstellen, aber ich denke, man darf das als Übersetzerin.

Die Möglichkeiten der Leser, Dinge, die sie nicht kennen, online nachzuschlagen, sind ja heute sehr groß…

Ich finde, Autoren schreiben auch mit dem Wissen, dass die Leute googlen können. Clemens Setz ist ein gutes Beispiel. Er hat so „erfundene“ Tatsachen und dann hat er „gefundene“ Tatsachen und die verwebt er dann miteinander. Das ist natürlich auch ein Spiel mit dem Leser.

Zum Inhalt des Romans: Prostitution. Aus einer feministischen Perspektive finde ich es sehr wichtig, weil Prostitution ein Tabu ist und ein großes Problem daran ist das Stigma. Der Roman ermöglicht es, sich mit den Menschen, die hier auftreten, insbesondere auch mit den Prostituierten, zu identifizieren. Jetzt frage ich mich allerdings, was bedeutet es, dass jetzt wieder ein Mann dieses Buch geschrieben hat?

Soweit ich das verstehe, hat Clemens Meyer mit sehr vielen Leuten aus der Branche geredet. Mit Frauen und Männern. Im Stein ist ein Roman, es ist Belletristik. Der Sinn eines Romans ist es nicht, die Leser zu bilden. Insofern finde ich das vollkommen legitim, dass ein Mann literarisch Stimmen von Sexarbeiterinnen bearbeitet und erfindet. Ich finde, man merkt doch in Deutschland, dass es schwer ist für Autorinnen, sich ernsthaft mit Sex zu beschäftigen. Ich sehe oft, dass männliche Autoren keine Probleme damit haben, Sexszenen zu beschreiben, die einfach zur Belustigung, oder zur Charakterbeschreibung dienen. Autorinnen in Deutschland scheuen sich, das zu tun, solange es sich nicht um die Beschreibung eines traumatischen Erlebnisses handelt. Es gibt in der derzeitigen deutschen Literatur deshalb viele traumatische Sex-Beschreibungen. Es haben aber auch schon ein paar Frauen über ihre eigenen Erlebnisse in der Sex-Branche geschrieben, zum Beispiel Funny van Money. Und Nora Bossong hat eine Auseinandersetzung mit dem kommerziellen Sex geschrieben. Das war ein wichtiger Schritt, dass eine belletristische Autorin das getan hat. Ich finde jedoch, sie schaut sehr von außen darauf – das macht Clemens Meyer anders. Er versucht das Feld aus einer Insider-Perspektive zu erkunden. Er möchte Atmosphären heraufbeschwören und Figuren ins Leben rufen.

Du hast das Buch Fitzcarraldo Editions vorgeschlagen und jetzt steht es auf der Longlist zum Man Booker International…

Ich hab es verschiedenen Verlagen vorgeschlagen, die wollten alle nicht. Die Leute von Fitzcarraldo waren so mutig und verrückt und haben es getan. Zuerst dachte ich, das Buch ist auf dem britischen Markt sofort untergegangen. Es wurde kaum besprochen, jedenfalls nicht in der klassischen Presse. Aber jetzt ist es auf der Longlist für den Man Booker International Prize. Hoffentlich merken die Leute jetzt, dass das Buch auf Englisch existiert. Die Entscheidung der Jury war jedenfalls eine Erleichterung. Ich habe Blut und Wasser geschwitzt für dieses Buch und jetzt bekommt es doch endlich etwas Aufmerksamkeit.

Haben es übersetzte Bücher generell schwer in Großbritannien?

Ja und nein. Laut Man Booker sind nur 3,5% der Bücher in Großbritannien Übersetzungen, aber sie machen 7% der Verkäufe aus. Das sind Bücher, die sich schon bewährt haben; die haben schon eine Leserschaft gefunden, die funktionieren. Und gerade in Literary Fiction, die ich als „Gehobene Belletristik“ übersetzen würde, wenn ich müsste, da verkaufen sich die übersetzen Werke gar nicht schlecht im Vergleich zu den anderen Literary Fiction-Büchern, die sich schlecht verkaufen. Es ist zwar ein Risiko, aber verglichen mit einem Debütroman eines unbekannten britischen Autors eigentlich nicht.

Zuletzt habe ich noch eine Frage zum Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU. Wenn wir optimistisch sind, gibt es nicht vielleicht auch wieder ein gesteigertes Interesse an Europa und der kontinentalen Literatur?

Wenn man es so sehen möchte, ja. Die Leute, die schon weltoffen gedacht haben, wählen ihre Lektüre jetzt bestimmt ein wenig auch aus Trotz. Eigentlich sieht man dort aber genau diese große Kluft zwischen den Menschen in den Großstädten und den Leuten fernab der Metropolen. Das Leben vieler Menschen abseits der Zentren wird in keinster Weise von übersetzter Literatur berührt.

Ich will bei der Übersetzung das Spielerische erhalten und nicht die Wörter.

Es wird argumentiert, wir müssten mehr übersetzen. Damit die Leute sich einfühlen können mit den anderen Europäern. Das halte ich für Unsinn. Die Leute, die schon Romane lesen, die besitzen diese Fähigkeit ohnehin schon. Die Leute aber, die relativ isoliert leben, die werden einen Teufel tun und 650 Seiten über Sexarbeit in Ostdeutschland lesen. Auf Englisch sagt man, „There’s a lot of preaching to the converted.“ Ich würde mir wünschen, dass die Literatur die Welt verbessern kann, aber ich glaube, das ist nur in geringem Maße möglich.

Erst einmal müssen die Menschen überhaupt lesen. Sie müssen erst einmal in der Lage dazu sein dazu gehören Zeit und Muße. Man muss auch an die Bücher herankommen können. Dazu muss eine Buchhandlung in der Nähe sein oder eine Bibliothek, gerade die beiden werden aber zunehmender rarer.

Gibt es Autoren die du übersetzt sehen willst, weil du denkst, das braucht England – vielleicht gerade auch jetzt in der derzeitigen Situation?

Ja, Olga Grjasnowa, die ist in Großbritannien nicht übersetzt worden, ihr Debütroman ist in den Staaten herausgekommen. Ihr neues Buch wäre heilsam, ein heilsamer Schreck. Der britische Markt könnte auch etwas von den spielerisch Schreibenden vertragen. Felicitas Hoppe beispielsweise, von ihr habe ich bisher nur einen kleinen Band mit ihren Kurzgeschichten übersetzt. Gerade auch für Vielleser wäre es spannend zu sehen, was sie für Experimente betreibt. Das kann ich empfehlen.