Mit dem Cover um die Welt: José Eduardo Agualusa

Der angolanische Schriftsteller José Eduardo Agualusa und der Übersetzer Michael Kegler standen 2011 mit Barroco Tropical (Dom Quixote 2009), sowie dessen gleichnamiger Übersetzung (A1 Verlag 2011) auf der Shortlist des Internationalen Literaturpreises. Es ist besonders auffallend, dass der portugiesische Originaltitel in (fast) allen internationalen Übersetzungen unverändert beibehalten oder zumindest nicht seiner Bedeutung beraubt wurde. Ein im Roman erwähntes Lied der Sängerin Kianda, einer Hauptfigur, diente als Namensgeber für Barroco Tropical. Der Titel ließe sich mit „Tropischer Barock“ ins Deutsche übersetzen.

"Barroco Tropical", Portugal © Publicações Dom Quixote

„Barroco Tropical“, Portugal © Publicações Dom Quixote

"Barroco Tropical", Deutschland © A1 Verlag

„Barroco Tropical“, Deutschland © A1 Verlag


"Barroco Tropical", Frankreich © Éditions Métaillé

„Barroco Tropical“, Frankreich © Éditions Métaillé

Das Cover der portugiesischen Originalausgabe zeigt kontrastiv das helle Kleid einer Hausangestellten aus der Kolonialzeit vor einem dunklen Palmenhain. Die Kolonialherren übertrugen ihre gesellschaftliche Hierarchie und damit ihre Kleiderordnung auf die einheimische Bevölkerung. Indigene wurden in das Kostüm einer europäischen Dienerschaft gesteckt, verkleidet.
Die Funktion der Figur auf dem Cover bleibt rätselhaft: Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass die Person zwar Hände zu besitzen scheint, in denen sie Zweige hält. Allerdings ist kein Gesicht auszumachen. Vielleicht handelt es sich um eine Art Vogelscheuche oder eine Strohpuppe. Sie gibt nur vor, menschlich zu sein, ist es aber nicht: Sie imitiert.

Die Sängerin Kianda und das Fotomodel Núbia, zwei weibliche Hauptfiguren des Romans, spielen ebenfalls eine Rolle, sind nicht diejenigen, die sie zu sein vorgeben. Kianda ist in der Öffentlichkeit Sängerin, aber verbirgt zwei weitere Ichs. Der Protagonist Bartolomeu beschreibt Núbia in der Rückschau mit diesen Worten:

„Nein, das Merkwürdige ist, dass ich sie kannte. Und sehen Sie, ich glaube nicht, dass sie ein Engel war. Ich fand sie kein bisschen engelsgleich, außer, dass sie mit Gott Tee zu trinken pflegte.“ (S. 112)

 

Engel sind wiederum ein Leitmotiv des Romans. Kianda hat sich Flügel auf den Rücken tätowieren lassen und Protagonist Bartolomeu meint, ständig schwarze Engel und Federn zu sehen.

Ein „Engel“ ziert auch das deutsche Cover. Ein kleines, afrikanisches Mädchen trägt ein weißes Kleid und hält einen Engelsflügel, sodass ihr Schatten die Gestalt eines Engels an die dunkle Betonwand im Hintergrund wirft. Es suggeriert, Engel hätten einen Schatten, eine dunkle, verborgene Seite.
Das französische Cover verstärkt diesen Kontrast noch und verdeutlicht mit schwarzen, zerrupften Flügeln das Motiv des gefallenen Engels. Diese Flügel sind eine Anspielung auf Bartolomeus Engelssichtungen und Núbias Tod. Das Buch beginnt mit deren engelsgleichen Sturz aus dem Himmel vor Bartolomeus Füße.

Ein Beitrag von Sebastian Somfleth

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