Mordor kommt und frisst uns auf

von Ziemowit Szczerek
aus dem Polnischen von Thomas Weiler

1. Der erste Satz

„Der Grenzer mit der Gullideckelmütze schaute in meinen Pass.“

Zack. So fängt die Geschichte an. Eigentlich sind es mehrere Geschichten (oder Gonzos, wie der Ich-Erzähler seine kurzen Reisereportageepisoden im Hinweis auf den von Hunter S. Thompson begründeten Journalismusstil nennt) und wir fallen immer an irgendeinem Punkt mitten in sie hinein. Wir stolpern ein bisschen mit, springen mit Beginn jedes neuen Kapitels aber meist in ein neues Setting, treiben uns mit neuen Leuten rum, oder allein, und erleben einen neuen Abschnitt Ukraine. Chronologie ist nicht so wichtig. Man könnte die Kapitel auch einmal kräftig durcheinanderhauen. Dann hätten wir einen anderen ersten Satz, der Roman funktionierte trotzdem noch.

2. Der schönste Satz

Der schönste Satz ist nicht ein einzelner, sondern eher die Folge von Sätzen in Szcereks herrlich lässig-elegantem Stil, der runter geht wie Honig. Ein bisschen flapsig, zackig, rauh. Gleichzeitig fein, bildreich, punktgenau.

„Deshalb hatte er sich den aktiven Panzer für sein Quasi-Gogol-Bordello-Image zugelegt: der streitlustige Wilde aus dem Osten mit dem krächzigen Quadratakzent eines transsylvanischen Vampirs, der Wodka trank und manchmal vielleicht auch Blut, der Wolga fuhr, aber bei alledem immer cool war.“

3. Der Plot in einem Satz

Ein polnischer Journalist reist backpackend durch die Ukraine auf der Suche nach russigem Hardcore und rauschigem Treiben, das er in reißerischen Gonzos verarbeiten kann, und entdeckt „die geheime Geschichte der Slawen“.

4. Mit dieser Figur würde ich einen Kaffee trinken, weil…

Kaffee würde ich mit niemandem trinken. Wenn schon, dann Kwass mit Vigor-Balsam und davor ein bisschen Dshintonik in 0,33l-Flaschen. Und das am ehesten mit dem Ich-Erzähler, Łukasz Ponczyński, denn alle anderen Figuren lernt man nur sehr oberflächlich kennen. Łukasz aber, der für mich als Erzähler die Verkörperung jenes kratzig-adretten Sprachstils darstellt, wäre sicher ein angenehmer Gesprächs- und Reisepartner.

5. Vor dieser Figur würde ich weglaufen, weil…

Weglaufen würde ich eigentlich nur vor den korrupten Bullen, die jede winzige Unkorrektheit mit Vorliebe zum Anlass nehmen, dir einen ganzen Haufen Scheine abzupressen. Da kommt man so leicht nicht wieder raus.

6. Don’t judge this book by its cover. Oder doch?

Die Gonzo-Faust, die einen Peyote-Kaktus hält. Symbol von Hunter S. Thompson und dem Gonzo-Journalismus. Das Ganze in schmutzigem Weiß vor blau-rotem Hintergrund und die Typo irgendwie ein wenig altmodisch, als wäre das Buch schon zwanzig Jahre alt. Oder als hätte man die Optik alter West-Bücher abgekupfert. Passt ja.

7. Das Buch erinnert mich an…

Unterwegs von Jack Kerouac. Wegen Unterwegssein und unumwundener Lässigkeit und einfach so weiter. Fear and Loathing in Las Vegas von Hunter S. Thompson. Wegen Vigor-Balsam und Acid im Auto und Gonzo. Alles ist erleuchtet von Jonathan Safran Foer. Wegen charmanter Ukrainigkeit und saloppem Witz.

8. Das sagt der Autor über sein Buch

„Whatever is not childish is to accept your history, is to accept whoever you are and to try to built yourself on the foundations of whatever really exists and not on … whatever was imagined by yourself.“

9. Der schönste Satz, den ein Rezensent/eine Rezensentin über das Buch geschrieben hat

„Das Buch ist literarisch eine Freude, intellektuell ein Vergnügen und obendrein erfährt der Leser vieles über jenen Osten Europas, der nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hinter einer Mauer aus Klischees und Projektionen verschwand… [Zimowit Szcerek] schreibt, als gäbe es keine Autoritäten und als seien Konventionen nur Spielmaterial, aber er lässt allen Figuren ihre Würde – und nimmt sich selbst nicht so wichtig.“ – Jens Bisky: Knutschereien im wilden Osten

10. Der schönste Satz, den ein Rezensent/eine Rezensentin über die Übersetzung geschrieben hat

„Thomas Weiler hat diese Geschichten in ein mitreißend rhythmisches, frisches Deutsch übersetzt. Er findet treffende Wendungen: ich „schlappte zum Bahnhof“, „duschoidal“ für eine abenteuerlich installierte Dusche, „russig“ für jenes Verhalten, das man von Russen zu erwarten sich berechtigt glaubt, das sie aber nur unwillig an den Tag legen.“ – Jens Bisky: Knutschereien im wilden Osten

11. Der letzte Satz

„Verdammt, wie ich mich schämte.“

Beim Verlassen der Ukraine beobachtet Łukasz die Demütigung eines ukrainischen Schriftstellers durch polnische Grenzer. Selbst großer Erprober in Erhabenheit über das ukrainische Volk, schämt er sich nun doch. „Als Pole war ich ja Teil des Anspruchslosen, des Versifften, Verratzten, Schrottigen, Groben, Einfältigen, Verrohten – und ich kam da nicht so ohne weiteres raus.“

1991 in Berlin geboren, studiert Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim. Von 2014 bis 2016 war sie Chefredakteurin des Nerv – Magazin für studentisches Sein. Sie schreibt vornehmlich literarisch – Lyrik und Prosa. 2016 stand sie auf der Shortlist des Martha Saalfeld Förderpreises.