Shortlist 2018: Die Geschichte einer kurzen Ehe


23. Mai 2018
von

Epitext-Redakteurin Hannah Krug beantwortet 13 Fragen zum Buch von Anuk Arudpragasam, in der Übersetzung von Hannes Meyer eingeladen zum 10. Internationalen Literaturpreis.



Die Geschichte einer kurzen Ehe
von Anuk Arudpragasam
aus dem Englischen von Hannes Meyer
Hanser Berlin, 224 Seiten, 22,70 Euro

1. Der erste Satz
»Die meisten Kinder haben zwei ganze Beine und zwei ganze Arme, aber der kleine Sechsjährige, den Dinesh trug, hatte schon ein Bein verloren, das rechte knapp oberhalb des Knies, und jetzt würde er auch noch den rechten Arm verlieren.«

2. Der letzte Satz
»Er legte die Handflächen vor sich auf den Boden und starrte sie ausdruckslos an, streichelte die weiche Erde sanft und rhythmisch, wurde langsamer und hielt inne, begann dann von neuem, während sich seine Brust von allein immer wieder hob und senkte und unwillkürlich und ohne Rücksicht auf irgendetwas anderes die kleine Menge Luft, die sein Körper noch halten konnte, herein- und wieder heraustrieb.«

3. Der stärkste Satz
»Gedanken, Gefühle und Mutmaßungen, Geschichten, Witze und Lästereien waren nichts als dünn gesponnene Fäden, die das Innere der Menschen auch dann noch verknüpften, wenn das Gespräch schon lange vorbei war, und Gesellschaften waren nichts als in dieser Weise verbundene Menschen in großen, komplexen, unsichtbaren Netzen, deren Funktion nicht etwa darin bestand, Bewegungen einzuschränken, sondern jedes Individuum mit jedem anderen zu verbinden.«

4. Der Plot in fünf Wörtern
Die Geschichte einer kurzen Ehe

5. Von dieser Figur werde ich noch träumen, weil…
Dinesh, als einziger Protagonist im Roman, der sich uns mit seiner Persönlichkeit öffnet, während alles andere um ihn herum stirbt. In seinen akribischen Beobachtungen werden wir unmittelbar, manchmal unaushaltbar mit dem Grauen konfrontiert. Seinen Gefühlen beraubt, versucht Dinesh den Krieg zu begreifen, indem er den physischen, seelenlosen Körper als einzige Existenzgrundlage analysiert. Es ist das Gedächtnis einer traumatisierten Kreatur.

6. Don’t judge this book by its cover. Oder doch?
Ein aufgeschäumtes weißes Seifenstück auf schwarzem Grund. Der Gegenstand, mit dem Dinesh versucht, sich von der Vergangenheit zu befreien und der ihm helfen soll, für seine neue Frau ein fürsorglicher und begehrenswerter Ehemann zu werden. Den Körper von unterschiedlichen Leidensschichten zu befreien, bis eine nackte menschliche Hülle erscheint, die kurzzeitig bereit ist, sein Inneres wieder zu füllen. Mit Gefühlen für eine andere Person.

7. Daran musste ich beim Lesen denken:
Ein Leben auf der Flucht vor dem Schlachtfeld. Jeder Schritt entscheidet über das Ende der Existenz. Ich lebe Kopf an Kopf mit Menschen, denen Ähnliches widerfahren ist. Immer noch fällt es schwer, mir solche Situationen vorzustellen.

8. Das sagt der Autor/die Autorin über sein/ihr Buch
»I didn’t really discuss the political or historical context of the novel because, to be honest, it would have bored me.«

9. Der schönste Satz, den ein Rezensent/eine Rezensentin über den Text geschrieben hat:
»Er wirft [die Liebe] in diese grauenhafte Szenerie und zeigt die extrem begrenzten Möglichkeiten eines Gefühls, das wir gewohnt sind für allmächtig und unwiderstehlich zu halten.«

10. Der schönste Satz, den nie ein Rezensent/eine Rezensentin über die Übersetzung geschrieben hat:
Die langen Sätze Arudpragasams erfahren in der deutschen Übersetzung von Hannes Meyer eine konzentrierte Ruhe, die uns ermöglicht, sehr konkret den analytischen Blick von Dinesh mitzuverfolgen.

11. Das Besondere an diesem Buch ist …
Die Gewalt(igkeit) jedes Satzes

12. An wen würde ich das Buch verschenken?
An abgehärtete Leser*innen.

13. Was macht das Buch mit der Welt da draußen?
Es zeigt die Realität eines grausamen Alltags wie auch die mögliche Hoffnung darin und spiegelt damit den Normalzustand vieler Menschen. Das Buch öffnet unsere Augen für Bilder und Gefühlslagen Flüchtender, die kein Facebook-Post oder YouTube-Video in der Lage wäre, uns zu vermitteln.