Shortlist 2018: Die Tagesordnung


23. Mai 2018
von

Epitext-Redakteur Kianush Ruf beantwortet 13 Fragen zum Buch von Éric Vuillard, in der Übersetzung von Nicola Denis eingeladen zum 10. Internationalen Literaturpreis.



Die Tagesordnung
von Éric Vuillard
aus dem Französischen von Nicola Denis
Matthes & Seitz Berlin, 128 Seiten, 18 Euro

1. Der erste Satz
»Die Sonne ist ein kaltes Gestirn.«

2. Der letzte Satz
»Und die Geschichte ist da, vernünftige Göttin, unbewegliche Statue mitten auf dem Festplatz, als Tribut einmal im Jahr ein trockenes Pfingstrosengesteck, als Trinkgeld tagtäglich das Brot für die Vögel.«

3. Der stärkste Satz
»Dabei verbrachten die meisten ihren Vormittag damit, zu schuften, waren in die große redliche Lüge der Arbeit vertieft, mit jenen kleinen Gesten, in denen sich eine stumme, schickliche Wahrheit verdichtet und sich das ganze Abenteuer unseres Daseins auf eine beflissene Pantomime beschränkt.« (S. 8)

4. Der Plot in fünf Wörtern
Unsere Welt steht am Abgrund.

5. Von dieser Figur werde ich noch träumen, weil…
Das Buch bietet in der Tat wenig Anlass zu andächtigem oder sehnsuchtsvollem Träumen, die historischen Figuren von Hitler, Göring, Schuschnigg usw. verursachen allerhöchstens Alpträume. Allerdings ist es interessant, mit wie wenig Pinselstrichen (oder Kameraeinstellungen!) Vuillard seine Figuren zum Leben erweckt und sie mit echtem Leben füllt. Die Neuerfindung des österreichischen Bundeskanzlers Schuschnigg als Professor in den USA nach dem Krieg ist ein Beispiel dafür, wie kontingent die Rollen vor, während und nach dem Krieg verteilt wurden, und welch kuriose Wendungen manche Lebenswege noch nehmen können. Insofern wäre vielleicht ein Gespräch mit dem alten Schuschnigg interessant, wenn schon kein feuchter Traum.

6. Don’t judge this book by its cover. Oder doch?
Eher nicht; denn das sollte man niemals tun. Obgleich die Fotografie des elegant gekleideten Mannes bereits andeutet, was das Buch ausspricht: Dass unter dem Firnis der Zivilisation das Grauen lauert. Und noch ein Gedanke drängt sich auf: Die Fotografie selbst ist nach dem Bilde des Buches – dessen Form, die Art der Darstellung ist vollendet, durchaus anspruchsvoll, sprachliche Präzision verbindet sich kunstvoll mit einer vielfältigen Bilderwelt. Der Inhalt jedoch, die große Geschichte, die von Vuillard (nicht nur) nacherzählt wird, könnte furchtbarer nicht sein.

7. Daran musste ich beim Lesen denken (namedropping)
An Stefan Zweigs Werke Schachnovelle und Die Welt von Gestern und Hannah Arendts We refugees. Die Beschreibung der vier Selbstmorde im vorletzten Kapitel Die Toten (eine Anspielung auf Joyce’ Dubliner?), einer der wenigen Momente, in denen sich der Text nicht mit den großen Namen, die die damalige wie die heutige Geschichte machen, sie schreiben, beschäftigt, sondern die Perspektive irgendwelcher beliebiger, quasi anonymer Menschen zeigt, vies minuscules (Michon), die in und von der großen Geschichte auf den passiven Rang von Leidtragenden reduziert werden –, die vier Selbstmorde also treten in Resonanz mit dem was Arendt in Bezug auf geflüchtete Juden in der Diaspora sagt. Der gewählte Tod als letzter hilfloser Widerstand gegen das Unsagbare, hilfloser Schrei nach Hilfe, überhaupt das Thema Tod, der individuelle und der kollektive, als Topoi der Literatur sind Tod und Suizid ergreifende und bedrückende Begleiter in einer Welt, in der immer noch vieles stirbt und zu sterben strebt, doch gleichzeitig vielleicht auch die einzige Möglichkeit der Hoffnung, dass es wieder lebe, gleichsam als Warnung und Bitte an eine immer mehr aus den Fugen geratene Welt.

8. Das sagt der Autor über sein Buch
»Mes livres expriment une défiance marquée à l’égard de ce qu’on appelait jadis le capital. Il existe une permanence du monde des affaires, une stabilité de ses intérêts. Certaines personnes morales sont désormais plus anciennes que des États, et parfois plus puissantes. Que les grands industriels allemands aient participé à l’installation des nazis au pouvoir me semble relever des faits. Ce sont les eaux glacées du calcul égoïste dont parle Marx.« (In: L’Humanité)

»Meine Bücher drücken ein deutliches Misstrauen gegenüber dem aus, was man früher das Kapital nannte. Die Beständigkeit der Geschäftswelt, die Stabilität ihrer Interessen sind bemerkenswert. Gewisse juristische Personen [große Unternehmen] sind nunmehr älter als manche Staaten, und manchmal auch mächtiger. Dass die großen deutschen Industriellen an der Machtübertragung an die Nazis teilhatten, scheint mir dem Bereich der Fakten anzugehören. Das sind die eisigen Wasser des egoistischen Kalküls, von dem Marx spricht.« (Übers. K.R.)

9. Der schönste Satz, den eine Rezensentin über den Text geschrieben hat
»Il s’agit de penser le passé comme notre réel et notre présent, de montrer comment l’horreur se construit sur une apparente routine, dans une indifférence générale.« (In: Diacritik)

»Es geht darum, die Vergangenheit als unsere eigene Realität und Gegenwart zu denken, zu zeigen, wie das Grauen mit einer scheinbaren Routine entsteht, inmitten allgemeiner Gleichgültigkeit.« (Übers. K.R.)

10. Der schönste Satz, den nie eine Rezensentin über die Übersetzung geschrieben hat
Die Übersetzung von Nicola Denis ist sehr stark, sehr wort- und bilderreich und profitiert auf beeindruckende Weise von der Kontingenz der deutschen Sprache, sodass eine sehr üppige und, trotz der Dichte und der Poesie, doch eingängige Sprache entsteht, die die Etappen des Aufstiegs der Nazis mit Leben füllt.

11. Das Besondere an diesem Buch ist…
Wie es Vuillard gelingt, indem er diese mittlerweile beinahe schon alte und eigentlich bekannte Geschichte erzählt, auch über unsere eigene Gegenwart und die Welt in der Wir leben zu schreiben; wie er Kontinuitäten aufzeigt; die Logiken sichbar werden lässt, die auch heute noch am Werk sind, allerdings meist hinter verschlossenen Türen. Das Buch lässt sich so durchaus auch als Warnung lesen, in Zeiten des allgemeinen Erfolgs autoritärer Parteien und Bewegungen, da Rechtspopulisten und Anti-Demokraten aller Art die Demokratie und die Meinungsfreiheit angreifen wollen. Wie brüchig ist die bürgerliche Ordnung, wie fragil oder fest, wie sicher kann man sich des vermeintlich selbstverständlichen sein, wer verschiebt wie und wann die Grenzen des Denkbaren, wer profitiert davon, wem geht es an den Kragen? Lauter Fragen, die das Buch wenn nicht stellt, so doch zu stellen ermuntert, und somit zum denken.

12. An wen würde ich das Buch verschenken?
An alle Mitglieder des deutschen Bundestags, des österreichischen Nationalrats, der Assemblée Nationale, des britischen House of Commons, insbesondere an Macron, May, Merkel, Juncker, Kurz – und Martin Schulz.

13. Was macht das Buch mit der Welt da draußen?
Viel, es zeigt, wie Macht verteilt ist und verteilt wird, wie unachtsam die Mächtigen mitunter sein können, wie dumm, wie gutgläubig, wie hilflos und verzweifelt die Machtlosen, es ist ein Plädoyer für Gerechtigkeit und für die Literatur, und die selbst eingelöste Forderung an die Literatur, sich der Welt da draußen zu widmen, sich ihr zu verschreiben, sie gar umzuschreiben, und eine Ode an die Geschichte, sei sie noch so schrecklich, als Mittel der Kontingenzbewusstseinserweiterung, für alle Sinne sichtbar zu machen, dass es auch anders sein könnte, anders war, und dass es auch wieder anders werden kann.

Bonus: Noch ein Satz über die Liebe.
»So verhält es sich eben mit der Liebe: Manche diktieren ihrer Geliebten die Briefchen, die sie sich erträumen« (S. 64)