Shortlist 2018: Nach der Ewigkeit


23. Mai 2018
von

Epitext-Redakteurin Sophie Sumburane beantwortet 13 Fragen zum Buch von Maxim Ossipow, in der Übersetzung von Birgit Veit eingeladen zum 10. Internationalen Literaturpreis.



Nach der Ewigkeit
von Maxim Ossipow
aus dem Russischen von Birgit Veit
Hollitzer Verlag, 333 Seiten, 25 Euro

1. Der erste Satz
»Den Menschen von seinem Nächsten befreien, ist das nicht der Sinn des Fortschritts?«
(In diesem Buch gibt es viele erste Sätze, denn es ist eine Sammlung von Erzählungen.)

2. Der letzte Satz
»Und woher kommt der Hund? Ljowa und sie hatten nie einen Hund. Keine Kinder, keinen Hund. Nie.«

3. Der stärkste Satz
»Ob in Moskau, Petersburg oder der Provinz: Das Leben ist schrecklich. Zumindest auch. Es geschieht Unbeschreibliches: Opfer sind Unschuldige, noch junge Menschen und ganz kleine Kinder. Das schreckliche, unnötige Leid durch ihren Tod lässt uns nicht los, du schreist es dir nicht aus dem Leib, der Schrei vertreibt das Böse nicht. Und dann bricht der Tag an, und sie sind wieder da: die Vögel unter dem Himmel, das Federvieh, wilde Vögel, alle miteinander. Was auch eintritt, die Welt bricht nicht entzwei, so ist sie eingerichtet.«

»In den Hauptstädten werden Doktorarbeiten verteidigt, es passiert etwas Essenzielles, die Schriftsteller polieren einander die Fresse, aber hier? Dieses liebe, warme, unreinliche Leben hier kann man doch nicht ernst nehmen.«

4. Der Plot in fünf Wörtern
Mörder sind ganz durchschnittliche Menschen.

5. Von dieser Figur werde ich noch träumen, weil…
Von der stummen tadschikischen Küchenhilfe Roxanna, aus der Geschichte Schere, Stein Papier, die eigentlich russische Muttersprachlerin ist, aber weil die Chefin glaubt, sie verstehe sie nicht, spricht sie halt auch nicht. In ihrer Heimat war sie Dozentin für russische Literatur, doch als sie erkannte, dass ihre Familie ihre Bildung nicht essen kann, ist sie nach Russland gegangen, um Geld zu verdienen. Nun ist sie die mit Abstand gebildetste des gesamten Imbisses, wäscht fleißig Teller und bedient die Gäste, doch ist trotzdem am Ende die, die im Gefängnis landet.

6. Don’t judge this book by its cover. Oder doch?
Ich finde das Cover sehr stimmungsvoll und passend. Es fängt die Melancholie des Provinzlebens ein, in dem Heiterkeit und Traurigkeit, Licht und Schatten quasi, so dicht beieinander liegen. Und, es symbolisiert den Schuss durchs Fenster der Geschichte »Ein Mann der Renaissance«, wo jemand zum Mörder wird, weil er den Knopf zum Zurückspulen nicht finden kann.

7. Daran musste ich beim Lesen denken
Wie wenig ich mich doch auskenne im russischen Hinterland. Und wie viel Resignation in den Texten mitschwingt. Die ganze Intelligenz des Dorfes seien die Lehrer, schreibt der Autor als Ich-Erzähler, der Erdkundelehrer, der immer wieder den gleichen Spruch bringt, die Erde sei ihre Mutter, den allerdings niemand versteht, denn niemand in diesem Dorf wird je verreisen, aber das sei auch egal, denn der Erdkundelehrer stirbt eh bald an Krebs.

8. Das sagt der Autor über sein Buch
Da ließ sich im Netz nichts finden, darum zitiere ich aus seinem Der Schrei des Federviehs: Statt eines Vorwortes: »Provinz heißt Heim: warm, nicht zu reinlich, dein. Doch es gibt noch eine andere Sicht, aus der Distanz, von oben herab, von vielen geteilt, die gegen ihren Willen hier gestrandet sind. Provinz, das bedeutet: Schwärze, Schlamm, Matsch; die Bewohner: arme Teufel, so ihr schmeichelhaftester Leumund.« Das zeigt die Diskrepanz zwischen Selbstwahrnehmung und Zuschreibungen, die der Autor selbst überwinden musste, als sein Sohn in der Provinz heimisch wurde. Heute lebt auch er als Arzt dort und ließ sogar die Gräber seiner Familie umbetten.

9. Der schönste Satz, den ein Rezensent/eine Rezensentin über den Text geschrieben hat
»Maxim Ossipows Prosa sollte man lieber nicht vergleichen – sie ist eigenartig und selbstständig.« (Das interkulturelle Magazin, BR 5, 16.05.2018)

10. Der schönste Satz, den nie ein Rezensent/eine Rezensentin über die Übersetzung geschrieben hat
Elf Erzählungen, elf unterschiedliche Tonlagen, elf mal die Banalität des Todes gespürt, elf mal die Lebendigkeit der Sprache erhalten.

11. Das Besondere an diesem Buch ist…
Dass es nicht das großartig Besondere ansieht, sondern das Kleine, Normale, das Leben eben. Ohne Pyrotechnik und Knalleffekte, einfach ganz echt.

12. An wen würde ich das Buch verschenken?
An Menschen, die tolle Sprache lieben, in Wörtern Rhythmus fühlen können und subtilen Humor mögen. Und an Menschen, die wie ich glauben, dass Literatur iauch Kulturvermittlung ist, und die russische Kultur in unserer westlich geprägten Welt angeschaut gehört. Denn auch dort leben einfach nur Menschen, die leben und lieben und zur Arbeit gehen und Hunde haben, die leider irgendwann sterben.

13. Was macht das Buch mit der Welt da draußen?
Es stellt sich gegen das »Triptychon«: Putin – Kommunisten – Böse. Wer Ossipows Geschichten gelesen hat, hat Menschen kennengelernt, die meine oder deine Nachbarn sein könnten. Eigentlich eine banale Erkenntnis.