Sich (nicht) selbst übersetzen

Anne Weber übersetzt ihre eigenen Bücher ins Französische. Zoë Beck hat für das Englische ihre Übersetzerin Rachel Hildebrandt. Sie unterhalten sich in einem ausführlichen Gespräch über das Für und Wider des sich (nicht) selbst Übersetzens.

Mit ihrem neuen Roman „Kirio“ stand Anne Weber auf der Shortlist zum Preis der Leipziger Buchmesse. Das Buch erschien, wie der Großteil von Webers Romanen, gleichzeitig auf Deutsch und Französisch, da sie ihre Texte selbst überträgt. Für ihre Romane und Übersetzungen deutscher sowie französischer Schriftsteller, wie Wilhelm Genazino oder Pierre Michon, erhielt sie zahlreiche Preise, obwohl sie, wie sie selbst sagt, „in die falsche Richtung“ übersetzt. Denn ein ungeschriebenes Gesetz unter ÜbersetzerInnen ist: Zielsprache ist die Muttersprache. So handhabt es auch Zoë Beck, Verlegerin des CulturBooks-Verlags, deren neuer Roman „Die Lieferantin“ im Juni bei Suhrkamp erscheint und die unter anderem Amanda Lee Koe und James Grady ins Deutsche übersetzt hat. Zoë Beck unterhielt sich mit Anne Weber darüber, warum es Ausnahmen von der Regel geben kann, was den Reiz ausmacht, sich selbst zu übersetzen und ob es Vorteile hat, die Zusammenarbeit mit einer Übersetzerin zu suchen. Epitext-Redakteurin Sophie Sumburane hat das Gespräch aufgezeichnet.

Zoë Beck: Natürlich gibt es wohlbegründete Ausnahmen von der Regel. Nicht immer muss die Zielsprache auch die Muttersprache sein.

Anne Weber: Es kann sein, dass es völliger Quatsch ist, was ich mache. Aber ich mache das schon ziemlich lange.

Zoë Beck: Bei der Filmproduktion, für die ich früher arbeitete, wurden Übersetzungen für den Weltvertrieb in verschiedene Sprachen gebraucht. Beim Lektorat der englischen Übersetzungen habe ich immer gemerkt, wenn sie von einem Deutschen erstellt wurden. Irgendetwas war am Ton ein bisschen schief. Ich bin mit kanadischem und amerikanischem Englisch aufgewachsen und habe später in Großbritannien studiert. Ich habe zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Sprachräumen gelebt. Wenn ich nun selbst etwas sehr Komplexes auf Englisch schreibe, wo ich darauf achten muss, wie beispielsweise die Leute in den 80ern sprachen, dann ist das etwas, das ich mir nicht zutraue. Dazu wohne ich jetzt auch schon viel zu lange nicht mehr in Großbritannien. Wenn man dort lebt und jeden Tag die Sprache spricht, und das mache ich jetzt seit einigen Jahren nicht mehr, mag das etwas Anderes sein.

Sprache ändert sich so wahnsinnig schnell. Was sind die aktuellen Ausdrücke, wie unterhält sich die Jugend, wie unterhalten sich ältere Leute? Ich kann natürlich viel lesen, aber das Gesprochene bekomme ich nicht mehr im Alltag mit. Ich habe auch großen Respekt vor der englischen Sprache, weil das eine ist, die sich sehr schnell, sehr leicht erlernen lässt – anders als die französische, wo ich mir die Grundkompetenz für die Grammatik hart erarbeiten muss. Im Englischen geht es recht schnell, dass ich mir etwas bestellen, mich mit Leuten unterhalten kann, auch wenn sich ein paar Fehler einschleichen. Aber dann wird es unheimlich schwierig. Auch das Idiomatische, das ist in Nordengland anders als in Südengland. Man merkt ja auch, wie viele grammatikalische Fehler deutschsprachige Autorinnen in ihren deutschen Texten machen. Und ich ja auch. Unwillkürlich, wenn man sich irgendwas Blödes angewöhnt hat.

Anne Weber: Ja, kann ich gut verstehen. Mir kommt dabei Selbstüberschätzung in den Sinn. Das Gefühl hatte ich von Anfang an und habe es noch. Das Gefühl, geradezu der Hochstapelei, das man haben kann, wenn man in einer fremden Sprache sich anmaßt zu schreiben. Allerdings habe ich beim Schreiben auch in meiner eigenen Muttersprache ein bisschen das Gefühl einer Selbstüberschätzung oder einer Hochstapelei. Dass das etwas ist, was man eigentlich gar nicht können kann. So geht es mir beim Übersetzen in die falsche Richtung. Das heißt, wenn man in eine Sprache übersetzt, die nicht die Muttersprache ist. Wenn man das Gefühl der Hochstapelei überwindet und es trotzdem macht. Es ist natürlich so, dass ich immer alles nochmal von einem Muttersprachler lesen lasse, was ich auf Französisch schreibe und was ich ins Französische übersetze. Allerdings lebe ich jetzt schon seit 33 Jahren in Frankreich und lasse mittlerweile auch alles, was ich auf Deutsch schreibe, von einem deutschen Muttersprachler gegenlesen, weil sich da manchmal auch so kleine Sachen einschleichen, die aus dem Französischen kommen. Ich meine, jetzt schon habe ich viel länger in Frankreich gelebt, als ich in Deutschland gelebt habe. Ich bin mit 18 weggegangen und habe seitdem immer in Frankreich gelebt. Ich brauche dieses Korrekturlesen.

Zoë Beck: Als eine Art Rückbestätigung?

Anne Weber: Ja, so eine Absicherung für mich. Mit der Hilfe eines Muttersprachlers gelingt es mir, dem Verlag ein mehr oder weniger druckreifen Text abzugeben. Es ist, was Sie gesagt haben über Sprachentwicklung, dass man die Jugendsprache nicht mehr kennt, und dass man bei Regionalismen sich nicht mehr oder sich sowieso nie besonders gut ausgekannt hat, in einer Sprache, die nicht die eigene oder nicht die ureigenste ist. Das hat dann aber vielleicht für mich eher eine Bedeutung beim Übersetzen eines anderen Schriftstellers, als bei meinem eigenen Schreiben und Übersetzen. Ich glaube, das hat mit der Art der Literatur zu tun, die man schreibt. Wenn man da sehr in der Realität verankert ist und sehr gegenwärtig schreibt, dann ist das natürlich wichtig und man braucht das unbedingt, diesen alltäglichen Kontakt mit der Sprache. Wenn man sich aber von der Gegenwart und vom Alltag entfernt und ein bisschen fernab von einem gesellschaftlichen Realismus schreibt, dann sind diese Aspekte nicht so wichtig.

Sophie Sumburane: Frau Weber, sehen Sie noch einen weiteren Aspekt dafür, sich selbst zu übersetzen? Warum lassen Sie das nicht jemand anderes machen? Schreiben Sie im Grunde ein anderes Buch, wenn Sie den französischen Text ins Deutsche übertragen?

Anne Weber: Ich habe als Jugendliche angefangen zu schreiben, natürlich auf Deutsch, denn eine andere Sprache konnte ich damals nicht. Auch noch als ich mit 18 nach Frankreich gegangen bin. Aber nach fünf oder sechs Jahren, die ich in einem französischen Umfeld gelebt habe, auch einen französischen Freund hatte, war mein Alltag für mich Französisch geworden.

Zoe Beck und Anne Weber

Zoë Beck und Anne Weber

Irgendwann fielen mir beim Schreiben zuerst französische Wörter ein. Schließlich habe ich in Frankreich auf Französisch mein erstes Buch veröffentlicht. Und dann war es so, dass meine Eltern, meine Familie in Deutschland, meine Freunde, das gar nicht lesen konnten. Und so habe ich es dann erstmal für mein Umfeld übersetzt. Dafür hat sich zum Glück auch in Deutschland ein Verlag gefunden – nämlich Suhrkamp. Seitdem habe ich das für alle nachfolgenden Bücher parallel gemacht. Beim Übersetzen schreibe ich nicht „ein neues Buch“. Ich habe die Manuskriptseiten vor mir liegen und suche dann Entsprechungen. Es ist auf eine Art eine sehr freie Übersetzung. Ich gehe Satz für Satz vor. Oder Absatz für Absatz. Wobei ich auch mal etwas weglassen kann. Oder ummodeln, neu schreiben. Normalerweise wird die zweite Fassung kürzer, weil man sehr streng mit sich ist. Auch das Original wird dabei nochmal kürzer. Mittlerweile mache ich das so, dass ich das als eine Art Lektorat nutze. Jeder, der übersetzt, weiß, dass niemand so viel Zeit mit einem Satz verbringt wie der Übersetzer. Weder der Leser, noch der Lektor, noch sonst irgendwer. Natürlich merke ich, wenn ich eine halbe Stunde an einem schlecht gemachten Satz sitze, was alles nicht funktioniert. Ich merke die Schwächen der eigenen Prosa. Und da ich das parallel mache, ist der jeweils andere Text noch nicht veröffentlicht, und ich kann nochmal zurückkommen auf das Original.

Zunächst haben die beiden Fassungen die Tendenz, sich auseinander zu bewegen, aber durch dieses Zurückkommen auf das Original nähern sie sich wieder an. Also, das Ergebnis ist am Ende nicht so unterschiedlich, wie es hätte sein können, wenn ich nicht nochmal an beiden Fassungen etwas bearbeiten würde. Nach drei Büchern habe ich angefangen, es umgekehrt zu machen. Also auf Deutsch zu schreiben und dann an einer französischen Fassung zu arbeiten. Rückblickend erkläre ich mir das so, dass ich den Umweg über die Fremdsprache gebraucht habe, um mich meiner Muttersprache wieder zu nähern. Oder mich überhaupt zu trauen, denn eigentümlicherweise hat mich das Deutsche mehr eingeschüchtert, als das Französische. Man braucht eine Distanz zu sich selbst, wenn man anfängt zu schreiben. Somit auch zu der eigenen Sprache. Dieses „in der Fremdsprache schreiben“ ist ein Mittel, diese Distanz zu schaffen. Ein ziemlich radikales Mittel.

Warum ich es trotzdem weiter mache, diese zwei Fassungen, das nicht einem Übersetzer zu überlassen, das mag vielleicht tatsächlich Selbstüberschätzung sein. Mittlerweile ist es aber so, dass der Verlag es auch von mir verlangt, es sich wünscht. Kann natürlich daran liegen, dass es billiger ist. Denn die Übersetzer beklagen sich ja immer sehr, wie schlecht sie bezahlt werden, aber verglichen mit manchen Autoren, werden sie relativ gut bezahlt.

Zoë Beck: Wenn ich so sehe, wie die Vorschüsse sich in Deutschland entwickelt haben, da kriegt dann doch mancher für die Übersetzung ein paar Euro mehr.

Ich finde interessant, was Sie zum Thema „Distanz“ und „sich finden“ sagten, weil ich das so ähnlich auch kenne. Ich habe mein Tagebuch immer auf Englisch geführt. Es war für mich die Sprache, in die ich mich retten konnte. Als Kind fand ich mein Leben ziemlich beschwerlich. Aber in der Sprache hatte ich einen Bereich nur für mich. Und die Zeit in England in der Schule hat mir auch sehr gut getan. Ich weiß noch, zurück in Deutschland lernte ich eine Südafrikanerin kennen. Nachdem sie gemerkt hatte, dass sie sich mit mir auch auf Englisch unterhalten konnte, meinte sie: Du bist ein ganz anderer Mensch, wenn du Englisch sprichst. Viel befreiter.

Ich arbeitete ja auch zeit über zehn Jahren im Bereich Filmsynchronisation, wo natürlich sehr viel vom Englischen ins Deutsche übersetzt wird. Da muss man sehr genau schauen, wie eine Person etwas auf Deutsch sagen würde. Durch diese Arbeit habe ich mich auch ein Stück weit vom Englischen entfernt.

Bei meinem ersten Buch hatte ich immer den Impuls, englische Wörter und Idiome zu verwenden. Ich habe kaum Literatur auf Deutsch gelesen. Ich hatte überhaupt keine Orientierung, sprachliche Vorbilder. Ich habe zwar Germanistik studiert, aber da liest man nur sehr altes Zeug. Gegenwartsliteratur war mir vor allem Englischsprachiges begegnet. Viel Amerikanisches, viel Britisches. Das war mir geläufig, da hatte ich eine Sprache, da wusste ich, was mir gefällt. Im Deutschen dagegen überhaupt nicht. Auf dem deutschen Markt gibt es natürlich sehr viele Übersetzungen aus dem Englischen dieser Literatur, allerdings sind sehr viele sehr schlecht. Da findet sich eine künstliche, sehr fabrikartige, lieblose Sprache, die mit einem eigenen Stil, einer eigenen Stimme, wie sie Schriftsteller ja haben sollten, nicht mehr so viel zu tun hat. Wenn man dann so schlechte Übersetzungen liest, weiß man ziemlich schnell, dass das kein Stil ist, der einem gefällt. Ich musste mich über einige eigene Bücher erstmal dahin arbeiten und muss es immer noch. Das ist schon Arbeit genug in einer Sprache. Deswegen bewundere ich das sehr, wenn Sie das in zwei Sprachen können und eine Ausnahme der „Grundregel“ sind.

Dieses parallele Arbeiten ist natürlich toll. Ich kann nur bestätigen, Übersetzerinnen kennen die Bücher teilweise besser als die Autorinnen: Ich weiß noch, ich habe das, leider schon gedruckte, Buch einer Freundin übersetzt. Sie hatte eine Passage doppelt drin. Über hundert Seiten lagen dazwischen, und niemand hat den Fehler bemerkt. Aber als Übersetzerin ist es mir natürlich aufgefallen.

Anne Weber: Als Leser liest man über sprachlich unpräzise oder schwammige Passagen hinweg, weil man glaubt, das zu verstehen. Aber wenn man das dann übersetzen soll, merkt man, das geht nicht. Ich bin gerade dabei, etwas zu übersetzen, was ich manchmal nicht wirklich verstehe – und trotzdem übersetze. Das ist aber ein ganz blödes Gefühl. Ich kann diesen Autoren nicht mehr fragen, er ist in den 70er Jahren gestorben.

Zoë Beck: Das kenne ich auch. Wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich eine Passage richtig verstanden habe, frage drei bis fünf Muttersprachler, und die können mir keine richtige Antwort geben. Dann entscheide ich mich für etwas und lebe in der Angst, diese Stelle falsch interpretiert zu haben. Letztendlich muss man sich ja für eine Interpretation entscheiden.

Anne Weber: Das ist eine ganz schöne Verantwortung.

Zoë Beck: Ich mache auch gerne Lesungen, wenn die Menschen, die ich übersetzt habe, nach Deutschland kommen. Auf der Bühne habe ich oft Angst, der Verantwortung dem Text gegenüber nicht gerecht zu werden; auch. Das Publikum kennt im Zweifel das Original nicht. Das heißt, wenn ich Blödsinn mache, dann denken die Leute, die Autorin schriebe schlecht. Daher finde ich die Zusammenarbeit mit meiner Übersetzerin Rachel so wichtig. Wir kontrollieren und gegenseitig. Sie kann ganz hervorragend Deutsch. Wenn sie selbst in der Sprache schreibt, macht sie auch mal Fehler, klar. Es ist ein Trugschluss, anzunehmen, Übersetzer müssten die Sprache, aus der sie übersetzen, perfekt beherrschen. Sie müssen sie richtig gut verstehen und vor allem müssen sie erkennen, wann sie zum Wörterbuch greifen oder andere Hilfe heranziehen sollten.

Anne Weber: Sie können die Sprache oft nicht so gut sprechen. Manche fürchten sich davor, dass der Autor womöglich auftaucht und mit ihnen sprechen will. Sie haben eher einen schriftlichen Zugang zur Sprache. Deswegen können sie trotzdem sehr gute Übersetzer sein.

Zoë Beck: Genau. Mit Rachel hat sich eine schöne Zusammenarbeit entwickelt. Sie übersetzt beispielsweise gerade jetzt viele Leseexemplare für die Londoner Buchmesse. Sie wirft mir ein Textstück auf Deutsch hin und fragt, ob die Übersetzung richtig ist. Ich mache es bei ihr umgekehrt. Da merke ich immer wieder, wie es in beiden Sprachen genau diese Dinge gibt, an denen man sich beim Lesen nicht stört, aber beim Übersetzen stößt man an die Grenzen. Da, wo es in diese Tiefenstrukturen geht, macht es allerdings auch großen Spaß: Ist es eher dieses Verb oder jenes? Aber es zeigt auch, wie brutal schwer es ist. Ich sitze mit Rachel im Facebook-Chat, und wir werfen uns nachts Texte um die Ohren. Ich mag diese Zusammenarbeit sehr. Sie erzieht mich zu mehr Präzision. Also das, was Sie, Anne, mit sich selbst machen, das macht Rachel mit mir.

Sophie Sumburane: Frau Weber, interagieren Sie viel mit den AutorInnen, die Sie übersetzen?

Anne Weber: Eher weniger, wenn ich in die falsche Richtung übersetze, weil ich dabei kaum Verständnisprobleme habe. Das Deutsche ist mir relativ geläufig. Jedenfalls war es das mal. Wenn man in die „richtige“ Richtung übersetzt, gibt es ja doch in der Fremdsprache immer Wörter oder Ausdrücke oder irgendwelche Passagen, die man nicht so gut versteht. Ich habe Wilhelms Genazino mal per Brief ein paar Fragen gestellt, worauf er auch geantwortet hat. Allerdings, wenn ich zu einem deutschen Text Fragen stelle, sind das im Grunde Sachen, die im Lektorat übersehen worden sind. Aber wenn ich in die „richtige“ Richtung übersetze, also ins Deutsche, da habe ich schon viele Fragen. Bei Pierre Michon zum Beispiel kann ich mich erinnern, dass ich ihm zehn eng bedruckte Seiten Fragen geschickt habe. Dabei ist das gar nicht so ein dickes Buch. Es war einfach so schwierig. Ich habe so wenig davon verstanden. Vorher, beim Lesen, und mehr als gelesen hatte ich es ja nicht, als ich einen Verlag dafür suchte, dachte ich, das alles verstanden zu haben. Aber dann merke ich, ich habe ja gar nichts verstanden.

Zoë Beck: Hatten Sie das auch schon, dass Sie beim Übersetzen gemerkt haben, es geht gar nicht, weil es Ihnen stilistisch nicht liegt, weil es Ihnen so viel Mühe macht, dass Sie einfach nicht die Richtige für diese Übersetzung sind? Oder suchen Sie sich die Texte sowieso selbst aus?

Anne Weber: Ich habe jahrelang von Übersetzungen gelebt, habe alles Mögliche übersetzt, gerade auch ins Französische. Und das ist schon manchmal eine Qual gewesen. Dabei habe ich aber auch gemerkt, dass ich lieber ein Sachbuch oder eine Biografie übersetze, als einen in meinen Augen schlechten Roman. Den muss ich nämlich im Grunde umarbeiten, damit der Text überhaupt nach was klingt. Das ist eine Arbeit, für die man übrigens gar nicht zusätzlich bezahlt wird. Schadensersatz gibt es auch nicht, für den Ärger, den man sich einhandelt. Da übersetze ich lieber so eine neutrale Prosa, die aber ordentlich geschrieben ist, oder klar geschrieben ist, als einen ambitionierten, aber in meinen Augen schrecklichen Roman.

Zoë Beck: Ich habe auch schon Romane gehabt, das floss einfach. Da musste ich im Prinzip nur den englischen Text angucken und konnte ihn auf Deutsch runtertippen. Ein anderes mal hatte ich etwas Ambitionierteres. Ich musste das Buch komplett umschreiben. Es war noch nicht gedruckt, und am Ende hat es der Autor tatsächlich mit meinen Anmerkungen nochmal umgeschrieben. Und das ist, wie Sie schon sagen, Arbeit, für die ich nicht bezahlt werde. Ein anderes Buch war stilistisch so, dass ich dachte: Ich möchte mich erschießen, wenn ich das fertig übersetzen muss.

Anne Weber: Ich finde aber schon, dass man Autoren übersetzen kann, die einem so überhaupt nicht ähneln.

Zoë Beck: Das auf jeden Fall.

Anne Weber: Das hat ja wirklich etwas Schauspielerisches, dieses Übersetzen, dass man den Geist eines anderen verkörpert, in einen Sprachkörper überträgt, der ein anderer ist. Aber das geht nur, wenn man dieses Unähnliche trotzdem lieben oder schätzen kann.

Zoë Beck: Das kann auch eine fantastische Stilübung sein. Gerade, wenn man verschiedene Kurzgeschichten hat. Da trainiert man sich auch selbst mit.

Anne Weber: Aber bei Pierre Michon ist es mir so gegangen, das war so schwer, ich hatte so viele Fragen, dass ich jeden Tag nur eine Seite geschafft habe und mir jeden Tag gesagt habe, du musst das dem Verlag zurückgeben und sagen, das übersteigt deine Fähigkeiten, ich kriege das nicht hin und die sollen sich einen anderen suchen. Doch ich habe es trotzdem weiter gemacht. Und wie durch ein Wunder ist doch etwas draus geworden. Aber ich habe wirklich mit mir kämpfen müssen, weil ich das Gefühl hatte, es ist zu schwierig.

Zoë Beck: Bei meinem Beispiel war die Schwierigkeit nicht das Problem. Vielmehr war mir beim ersten Reinlesen nicht aufgefallen, wie schlecht es grammatikalisch und stilistisch ist. Ich habe dafür keine passende, für mich lesbare deutsche Form gefunden, und ich konnte es einfach nicht machen.

Wer dagegen eine Herausforderung war: James Grady, weil der mit Absicht Schachtelsätze baut, die über eine halbe Seite hinausgehen. Er reiht eine Geschichte mit Relativsatz an die andere und nochmal eine Geschichte und da nochmal eine Geschichte… Das geht strukturell beim Englischen ja gut, im Deutschen muss man allerdings irgendwann das Verb vom Ursprungssatz wieder dranbasteln. Das hat Spaß gemacht. Das war eine Herausforderung. Ich habe geschwitzt und geschimpft und geflucht, aber letzten Endes freue ich mich über das Ergebnis. Die Kritiken waren super. Genauso gab es Kritiken, besonders auf Amazon, die in etwa so lauteten: „So eine schlechte Übersetzung habe ich ja noch nie gelesen. Da sind ja viel zu lange Sätze drin!“ Wo man mir den Vorwurf gemacht hat, ich hätte doch den Autor verständlicher ins Deutsche übersetzen müssen. Denn wenn dieser blöde Autor solche langen Sätze macht, dann ist es doch meine Verantwortung, daraus verständliche Sätze zu basteln. Aber dadurch hätte ich seine beabsichtigten Bandwurmsätze komplett zerschossen und das wollte ich nicht.

Anne Weber: Geht es Ihnen auch so wie mir, dass ich eigentlich bei jedem Autoren, auch bei einem, dessen Sprache ich wirklich schön finde, und den ich für einen guten Schriftsteller halte, dass mir der aber trotzdem nach einer Weile beim Übersetzen auf die Nerven geht? Es ist eigentlich systematisch so. Der Michon ist weiß Gott ein großer Schriftsteller, aber ich hätte ihm wirklich den Hals umdrehen können. Nicht wegen des Schwierigkeitsgrads, aber wenn man so nah dran ist, bemerkt man sämtliche Ticks. Manien, die die Leute entwickeln. Ich hätte wirklich eine Liste von Wörtern anlegen können, die ich ihm hätte verbieten wollen, weil sie in meinen Augen zu häufig vorkamen. Aber natürlich, wenn man das nur mal so liest, dann merkt man davon nichts.

Zoë Beck: Das gehört absolut dazu. Das ist ja auch bei meinen Texten so. Die kriege ich auch vom Lektorat zurück und da steht dann, also hier wiederholst du dich. Und als Übersetzerin merkst du das, weil du dieselben Gedankengänge hast, oder weil du auf Widersprüche stößt. Der rote Mantel ist plötzlich orange. Deshalb sagen Übersetzerinnen so gern: Niemand kennt einen Text so gut wie die Übersetzerin. Die Autorinnen? Die haben das schon längst wieder vergessen.

Sophie Sumburane: Haben Sie in Frankreich ein Glaubwürdigkeitsproblem? Als Deutsche, die Deutsches ins Französische übersetzt?

Anne Weber: Nein, noch nie. Aber ich glaube, das liegt daran, dass ich diese Absicherung habe, den Text einem Muttersprachler zu lesen zu geben. Das fällt den Franzosen in der gedruckten Version überhaupt nicht auf, glaube ich.

Zoë Beck: Sie leben ja auch schon ewig da. Das ist wie bei Autorinnen mit Migrationshintergrund, natürlich schreiben sie auf Deutsch, wenn sie hier leben, und haben auch ihr Lektorat. Und selbst wenn sie mit Akzent auf der Bühne sitzen, ist es trotzdem ihre Sprache.

Sophie Sumburane: Ich meinte vielleicht eher so ein Anerkennungsproblem. Also, dass die Franzosen, die ja sehr in ihre Sprache verliebt sind, sich vielleicht lieber einen französischen Muttersprachler gewünscht hätten. Ist Ihnen sowas schon mal zugetragen worden?

Anne Weber: Auch nicht. Wenn, dann könnten das ja die deutschen Autoren sein, die lieber einen französischen Muttersprachler hätten. Und die da etwas skeptisch sein könnten, wenn sie jetzt hören, dass soll eine Deutsche übersetzen. Das könnte ich gut verstehen. Aber es hat sich erstaunlicherweise noch niemand gemeldet. Und es ist auch so, dass ich in Frankreich lange Jahre als französische Autorin veröffentlicht worden bin. Da stand nicht: „Übersetzt aus dem Deutschen.“ Es war wie ein französisches Buch. Und erst seit zwei, drei Büchern bin ich von meinem Verlag ausgebürgert worden; in meinen Büchern steht jetzt: französische Fassung von der Autorin. Jetzt mittlerweile haben sie es schon eher im Blick, dass ich eigentlich Deutsche bin.

Sophie Sumburane

Geboren 1987 in Potsdam, studierte Afrikanistik und Germanistik an der Universität Leipzig. Bereits während des Studiums publizierte sie ihren ersten Kriminalroman und begann ihre Tätigkeit als freie Kulturredakteurin, der sie bis heute für unterschiedliche Journale nachgeht. Sie arbeitet an ihrem dritten Roman, der wie die beiden vorherigen auf dem afrikanischen Kontinent angesiedelt ist. Im November 2016 gründete sie außerdem das Online-Journal LitAfrika.com, welches sich die Förderung der Literaturen aus dem Subsahara-Afrika zur Aufgabe gemacht hat.