Daran beißt sich ein Einzelner die Zähne aus.

Valdimir Sorokin: TelluriaDieses Jahr ist Vladimir Sorokins apokalyptischer Roman Telluria auf Deutsch erschienen. Übertragen wurde er von dem achtköpfigen Übersetzerkollektiv Hammer und Nagel, das sich eigens für diese Aufgabe formiert hat. Zum kollektiven Interview haben wir uns in einem Onlinedokument getroffen, in das eine Woche lang auf Fragen reagiert und hineingeschrieben werden konnte. Ein Zusammenschnitt.   

Der Roman besteht aus 50 kurzen Texten, die ganz verschiedene Sprachregister ziehen. | Jedes Kapitel ist eine in sich geschlossene, kleine Welt (und oft: was für eine!). | Komik, Tempo, Irrwitz, Knappheit. | Orgiastische Rollenprosa! | Ich las das Buch und mir war klar: Daran beißt sich ein Einzelner die Zähne aus. | Der Verlag wollte den Roman möglichst rasch übersetzen lassen und Andreas Tretner fragte uns, die wir fast alle schon Sorokin übersetzt hatten. | Die ursprünglich pragmatische Idee hat sich dann schnell “konzeptualisiert”.

| Übersetzen ist Tanz, Lähmung, Ratlosigkeit, Triumph, je nachdem.

Die Polyfonie des Romans bietet Gelegenheit für übersetzerische Fingerübungen, für Handwerk und Kreativität. | Kein Wunder, bei dieser zersplitterten Welt, dass auch die Begrifflichkeit splittert. | Sorokin greift auf eigene Stimmen und Stile aus seinen früheren Romanen zurück, sodass sich das, was bisher eventuell als Nachteil gesehen werden konnte (dass er so viele verschiedene Übersetzer und keinen Stammübersetzer hat), hier als Vorteil entpuppte. Bei der Verteilung der Kapitel sind mir genau die zugefallen, in denen ich mich als ehemaliger Sorokin-Übersetzer stilistisch heimisch fühlte. | Ein Hin und Her, Abwägen, Austarieren, Balancieren, Vorwärtstasten. Irgendwann wird der Schritt sicherer. | Übersetzen ist Genuss am literarischen Gebrauch der Sprache – ohne seine Seele verkaufen zu müssen.

| Gemeinsames Hämmern und Nageln.

Unser Austausch hat phasenweise eine sehr hohe Frequenz gewonnen. Das hat viel mehr Zeit und Energie erfordert, als ich angenommen hatte. Puh. Dafür hat es ungeheuer viel gebracht. | Wir haben erst individuell übersetzt und die Texte dann über eine Dropbox dem Kollektiv zugänglich gemacht, mit der Einladung, zu kommentieren, Änderungen oder Korrekturen vorzuschlagen. | Bei Bedarf haben wir Fragen per Mail mit Sorokin besprochen. | … aber beantwortet hat er mir meine Fragen nicht. Er hegte die Befürchtung, ich könnte ihm zusätzliche Glühbirnen in den Text schrauben, an Stellen, wo er es lieber etwas dämmrig und zwielichtig hätte. “Übersetze, was dasteht!”, war öfter das – für den Moment zugegeben etwas frustrierende – Gebot.

| Man tut etwas, was eigentlich gar nicht geht:

In Kapitel 35: einen Text lesbar machen, der ohne Punkt und Komma ist, indem ich sie erst alle probehalber eingefügt und am Schluss wieder herausgenommen habe. | In Kapitel 13: die vielen Wortspiele mit russ. “ud” (Glied, Gemächt), das im Original zudem maskulin ist. Ich habe länger nach EINER passenden Vokabel gesucht, am Ende aber mit mehreren gearbeitet. | In Kapitel 42: der Sprachfehler des Kentauren, den ich anfangs zugunsten der archaischen Terminologie und der regressiven Grammatik vernachlässigt hatte. Der musste dann noch ins Gefüge passen. Nun kann der Erzähler mit seinen dicken Lippen keine Zischlaute aussprechen.

| Sehr viel Sorokin. Sehr viel Russland.

Das eine oder andere diebische Vergnügen an bös karikierenden Seitenhieben, oft auf umgangssprachlicher Ebene – in den Genuss kommt allenfalls ein Leser des Originals. Selbst wenn man im Deutschen ein Äquivalent findet, so landet der Seitenhieb ja nicht in der russischen Wirklichkeit. | Der Roman ist extrem anspielungsreich. | Im eigentlichen Sinn verloren gegangen ist davon durch die Übersetzung nichts. | Die Entschlüsselungsquote hat auch bei den Originallesern ein natürliches Gefälle. Man darf ja bei der Übersetzung keinesfalls deutlicher werden als das Original. Dass ein Kapitel sich auf Allen Ginsberg bezieht, andere auf Adolphe de Custine, Vladimir Nabokov oder Viktor Pelewin, ist ein Spiel für sehr feine Nasen. | Dieser aberwitzige Mischmasch ergibt nach Zuklappen des Buches im Leserkopf ein adäquateres Bild von etwas „Gesamtem“, vielleicht sogar „Russischem“, als wenn es schon als „Gesamtes“ entworfen wäre. | Sorokins Romane, als futuristische Satire angelegt, erweisen sich in letzter Zeit so rapide als Blaupause für die Realität, dass einem die Luft wegbleibt. Eigentlich müsste man ihm den Stift aus der Hand nehmen …

Das Kollektiv Hammer und Nagel besteht aus: Sabine Grebing, Christiane Körner, Barbara Lehmann, Gabriele Leupold, Olga Radetzkaja, Andreas Tretner, Dorothea Trottenberg und Thomas Wiedling. Nicht alle Mitglieder haben am Interview teilgenommen.