Soundtrack zum Buch: Liebesroman


25. Juni 2018
von

Wir haben für jeden Titel aus der diesjährigen Shortlist einen kleinen Soundtrack zusammengestellt. Den Auftakt macht Ivana Sajkos Liebesroman – das Gewinnerbuch des Internationalen Literaturpreises 2018.



Dmitri Schostakowitsch – Streichquartett Nr. 8 c-Moll op. 110 (2. Allegro molto)

Zum ersten Mal habe ich das Stück in irgendeinem Almodóvar-Film gehört. Es ist der Soundtrack für die Liebesbeziehung als Krimi. Wer muss beim Hören nicht an eine Verfolgungsjagd oder gezückte Küchenmesser, an eine dunkle Wohnung und zwei Menschen im Nahkampf, beim Sex denken? Das Stück ist sexy Kammermusik. Offiziell gewidmet ist es den Opfern des Faschismus und des Krieges.

Kanye West – I Thought About Killing You

And I love myself way more than I love you/ See, if I was tryin‘ to relate it to more people/ I’d probably say I’m struggling with loving myself/ Because that seems like a common theme/ But that’s not the case here/ I love myself way more than I love you/ And I think about killing myself/ So, best believe, I thought about killing you today/ Premeditated murder

Ach, das muss Liebe sein: Am liebsten würden sie sich erschlagen. Und so fängt Liebesroman ja auch an: Er will sie, die ihn nervt wie ein Wecker, gerne zertrümmern. Ich bin ebenfalls kurz geneigt, das zu romantisieren und darüber zu schreiben, dass Liebe und der Wunsch, die geliebte Person zu töten, vielleicht nie ganz zu trennen sind. Aber ich muss daran denken, wie falsch und dekadent es ist, Gewalt in Beziehungen zu romantisieren, weil Gewalt nie irgendetwas ist, dass sich zwei Menschen teilen. Sie geht in den allermeisten Fällen vom Mann aus, dem Egomanen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Sajkos Protagonistin davon träumt, ihren Mann zu töten.

Lorde – Perfect Places

Wäre Liebesroman ein Film, würde Lorde während des Abspanns laufen. Der Roman endet mit der größtmöglichen Fiktion: dem Ausbruch aus dem ganzen Elend. Er, der Künstler, der mit seiner Familie an einer Tankstelle steht und den Sprit nicht bezahlen kann, weiß allerdings, dass er sich den Ausbruch nur vorstellt. Allerdings weiß wiederum niemand mehr als Ivana Sajko, dass ihr Protagonist, ihre Erfindung, sich da gerade etwas ausdenkt. Sie, die Autorin, denkt sich diese Desillusionierung aus. Die Ausweglosigkeit ist letztlich genauso fiktional wie der Ausweg. Die Zukunft ist unbeschrieben, deshalb heben die Figuren folgerichtig ganz am Ende auch ins Unklare ab. Ob sie damit weiter ins oder aus dem Elend stürzen, wissen wir nicht.

All of the things we’re taking/ ‚Cause we are young and we’re ashamed/ Send us to perfect places – Absturz und Höhenflug: Das Eine ist nicht ohne und nur durch das Andere denkbar. Das ist die Dialektik des Rausches bei Lorde und bei Sajko.