Spirits of 68: Gender Trouble in Space


14. Juni 2018
von

Feministische Sci-Fi entledigt sich der Ausweglosigkeit des Phallus und entwirft neue Gender-Welten. Mit Ursula K. Le Guin ist eine der wichtigsten Vertreterin des Genres dieses Jahr verstorben.



Zur Reihe
1968 marschierten Leser*innen als Kämpfer*innen auf. Literatur war zwar schon immer Teil politischer Kämpfe, aber 68er machten das Lesen zum Statement. In der Reihe “Spirits of 68” schauen wir auf verschiedene Texte der 68er und ihre Gespenster, die 50 Jahre später noch ihr Unwesen treiben. Wir haben Texte ausgewählt, die unsere “Vorfahren” von 68 gelesen haben und lange Linien gezogen: In welchen Texten leben heute die Geister der Revolte weiter? Neben klassischen Theorietexten schauen wir auch auf weniger naheliegende Literatur mit revolutionären Energien und versuchen, konventionalisierte Vorstellungen von “der 68er-Literatur” hinter uns zu lassen.

Es mag zwar nicht das erste Buch sein, das einem im Zusammenhang mit den 68ern einfällt, aber The Left Hand of Darkness erschien 1969. Die im Januar 2018 verstorbene Autorin Ursula K. Le Guin gilt als Ikone feministischer Science Fiction. Aber was macht Science Fiction feministisch? Ist Le Guin nicht einfach eine Autorin wie Phillip K. Dick oder Stanisław Lem? Das würde zentrale und distinktive Aspekte feministischer Science Fiction ignorieren, wie die Auseinandersetzung mit patriarchalen Strukturen, der Reflektion von Identitätskonzepten von gender, race und class und das Neudenken des Menschen im globalen Zusammenhang.

Le Guin ist bei Weitem nicht die erste Autor*in, die man dem Genre zuordnen kann. Schon Margaret Cavendishs The Blazing World von 1666 über ein utopischen Königreich – regiert von einer Königin – mag vielleicht das erste feministische SF-Werk sein. Das Herbeisehnen einer ganz anderen Welt, einer Welt ohne patriarchale Gewalt, zieht sich durch die Literaturgeschichte. Beispiele wären Das Buch von der Stadt der Frauen (1405) von Christine de Pizan, Sultana’s Dream (1905) von Begum Rokeya oder The Female Man (1970) von Joanna Russ.

The Left Hand of Darkness ist eines der wichtigsten SF-Werke des Second-Wave-Feminismus, da Geschlecht im Text als kontingentes, kulturell erzeugtes Konstrukt erscheint. Dies geschieht zwar auch stark biologistisch, ist aber nichtsdestotrotz revolutionär: Im Roman erforscht ein männlicher Gesandter des Ekumen (einem Zusammenschlusses humanoider Lebensformen) die Zivilisation des Planeten Gethen. Die Bewohner von Gethen sind „ambisexual“, das heißt absolut androgyne Wesen, die nur einmal im Monat während des „kemmer“ sexuelle Attribute entwickeln, die je nach Kontext und der Konstellation zwischen den „Gethenians“ variieren kann. Ihre Gesellschaft ist dadurch radikal anders: „Burden and privilege are shared out pretty equally; everybody has the same risk to run or choice to make. Therefore nobody here is quite so free as a free male anywhere else. (…) There is no unconsenting sex, no rape.” Es gibt keine patriarchale Machthierarchie, keinen Freud und keinen Ödipus-Komplex, weil es keine festen Väter und Mütter gibt. Eine zentrale Achse unserer Identität – das Geschlecht – ist völlig irrelevant in der Gesellschaft der Gethenians.

In vielen anderen Romanen beschäftigt sich Le Guin mit Fragen von Gesellschaft, Macht und Geschlecht, was ihre Werke zu einer Quelle der Inspiration für viele neuere Autor*innen der SF macht. Als männerdominiertes Genre hatten SF-Autorinnen stets weniger Aufmerksamkeit bekommen; Le Guin Zeitgenossin Alice B. Sheldon hat deswegen auch u.a. als James Tiptree Jr. zahlreiche SF-Kurzgeschichten veröffentlicht, die nun als Klassiker gelten. Das Tolle: Heute stehen wir vor einem ganzen Haufen an feministischer SF, die das Angebot der klassischeren, männerdominierten SF erweitern.

Zuletzt erhielt Margaret Atwoods The Handmaid‘s Tale große Aufmerksamkeit durch die auf dem Buch basierende Serie von 2017 mit dem gleichen Namen. Der Roman von 1985 zeichnet eine feministische Dystopie, in der Frauen radikal jeglicher Rechte entledigt und zu bloßen Brutmaschinen oder Ausgestoßenen der Gesellschaft gemacht werden. Und es ist so aktuell wie schon 1985. The Handmaids’s Tale wurde auch für eine zu weiße Perspektive auf eine feministische Dystopie – die vor allem durch Versklavung gekennzeichnet ist – kritisiert. Eine SF-Autorin, die in ihrem Werk die Kategorie race (neben gender und class) reflektiert, ist Octavia E. Butler. In ihren Prabale-Büchern, der Patternist-Saga oder der Xenogenesis-Trilogie werden Hierarchien, Versklavung und Geschlechter (de-)konstruiert. Ihre Texte enthalten dabei eine Menge abgedrehten Posthumanismus: Von Tier-Mensch-Mutanten in der Patternist-Saga hin zu von insektenartigen Aliens geschwängerten Männern in Bloodchild.

All diese Texte tun, was Science Fiction tun sollte: Nicht nur andere technologische Welten, sondern auch andere soziale Welten und Möglichkeiten der Gesellschaft erforschen. Gerade das ist das gesellschaftliche Potenzial der SF: ihre spekulative/utopische Dimension. Denn (gute) SF ist kein Eskapismus, sondern Bestreben, Realität neu zu denken. Oder wie Donna Haraway in ihrem Cyborg Manifesto schreibt: “The boundary between science fiction and reality is an optical illusion.”