Tram 83

von Fiston Mwanza Mujila
aus dem Französischen von
Katharina Meyer & Lena Müller

1. Der erste Satz

„Am Anfang war der Stein, und der Stein schuf den Besitz und der Besitz den Rausch, und im Rausch kamen Menschen jedweder Gestalt, die schlugen Bahntrassen in den Fels, fertigten ein Leben aus Palmwein und erdachten zwischen Markt und Minen ein System.“

Was für eine schöne Kapitalismuskritik.

2. Der schönste Satz

„Was sagt die Uhr?“

Nicht, weil es ein besonders poetischer Satz wäre, sondern weil ihn die Prostituierten sagen und sich so immer wieder, oft auch völlig zusammenhangslos, ins Gedächtnis bringen. „Was sagt die Uhr?“ macht in seiner Belanglosigkeit die Unsichtbaren sichtbar.

3. Der Plot in einem Satz

Die Freunde Lucien, Schriftsteller, der verzweifelt versucht sich an sein geniales, vom Regime zerstörtes Manuskript zu erinnern, und Requiem, gaunernder Lebenskünstler, der in drei Halbsätzen mehr in die Missstände der runtergekommenen Stadt sticht als jeder Philosoph, treffen nach langen Jahren wieder im Club „Tram 83“ aufeinander. Sie werfen ihre Blicke auf die Prostituierten, ehemaligen Kindersoldaten, Studenten und Mienenarbeiter im Bahnhof, dessen halbfertiges Metallgerüst…

4. Mit dieser Figur würde ich einen Kaffee trinken, weil…

Eindeutig Requiem. Um ihn mal kräftig zu schütteln in diesem Bahnhof, dessen halbfertiges Metallgerüst… „Was sagt die Uhr?“. Und weil er mir ganz sicher erklären kann, wie der Hase läuft in einem von Korruption zerfressenen Land, in dem schon Kinder sich prostituieren, in dem Folterungen an der Tagesordnung sind, das eine Bananenrepublik ist, und wie man es dennoch schafft, kein Trinkgeld zu geben.

5. Vor dieser Figur würde ich weglaufen, weil…

Vor den nur hintergründig vorhandenen Jenen, die diese Misere zu verschulden haben. Warum weglaufen vor Prostituierten oder Ex-Kindersoldaten? Vor Drogensüchtigen oder armen Studenten, die morgens um vier auf einen fahrenden Zug aufspringen? Sie sind doch nur das Symptom.

6. Don’t judge this book by its cover. Oder doch?

Ich finde das Cover sehr passend. Wild und bunt, irgendwie auch rhythmisch und Bewegung suggerierend. Man bekommt, was man erwartet. Einen wilden Stilmix, Musik, Lärm, Bewegung, ja, auch „Afrika.“ Und immerhin, auch Mwanza Mujila trägt bei seinen Lesungen ein ähnlich anmutendes Hemd auf der Bühne.

7. Das Buch erinnert mich an…

Ein Theaterstück. Mit seinen Wiederholungen, Unterbrechungen und Einwürfen fühlte ich mich beim Lesen, als stünde jemand vor mir auf einer Bühne, brüllte immer wieder Sätze in meinen Lesefluss und füttert mich mit kurzen Kommentaren zu den Figuren. Ansonsten ist dieses Buch unvergleichlich. Sprachlich ein Novum, experimentell, ein Aufrütteln verkopfter Sprachpuristen, eine beißende Kritik an den Zuständen des afrikanischen Landes „Demokratische Republik Kongo“ („..“, weil sich hier bequem auch andere Ländernamen einfügen ließen), ohne Kitsch und Plattitüden. Ein wenig ist dieses sprachliche Experiment mit Alain Mabanckous Zerbrochenes Glas zu vergleichen, der ebenfalls aus dem Kongo stammt.

8. Das sagt der Autor/die Autorin über sein/ihr Buch

„Ich komponiere meine Texte wie ein Jazzmusiker, wie ein Saxofonist.“

Und nichts würde besser passen. Und immerhin tritt Mwanza Mujila bei Lesungen, mit dem bunten Hemd, auch mit einem Saxofonisten auf, liest, schreit, lacht und singt aus seinem Buch und verkörpert den Krawall einer Großstadt durch Musik.

9. Der schönste Satz, den ein Rezensent/eine Rezensentin über das Buch geschrieben hat

„Als nichtafrikanischer Leser braucht man zwar in der Tat einige Seiten, um das Gefühl der Fremdheit zu überwinden. Aber dann erkennt man “Tram 83” als den gelungenen, experimentellen Roman, den man mit sprachlicher Glättung nur zerstören würde.” – Tobias Wenzel / NDR Kultur vom 03.08.2016

Genau. Und, wie Mwanza Mujila sagt: „Mein Roman sollte afrikanisch bleiben!“ Zum Glück ist er das geblieben. Und zum Glück zeigt er uns, dass man das Gefühl von Fremdheit gefahrlos überwinden und etwas Wunderschönes entdecken kann.

10. Der schönste Satz, den ein Rezensent über die Übersetzung geschrieben hat

„Die Handlung von Tram 83 ist letztlich aber primär eine mit nonchalanter Hand gespannte Leine, an der Fiston Mwanza Mujila die farbigen Tücher seiner Prosa flattern lässt. Denn die – auch die von Katharina Meyer und Lena Müller besorgte Übersetzung lässt es hören – spielt das Solo, die große Hauptrolle im Roman.“ – Angela Schader in der Neuen Züricher Zeitung vom 09.08.2016

11. Der letzte Satz

„Das Saxofon erhob sich aus der Asche und versuchte den von der Trompete besetzten Raum zurück zu erobern. Das Schlagzeug stürzte sich in den Tanz der Raubtiere, der im Bahnhof widerhallte, dessen halbfertiges, von Granateinschlägen zerschundenes Metallgerüst, Gleise und Lokomotiven noch an Stanleys Eisenbahntrasse erinnerten, an Maniokfelder, billige Hotels, Spelunken, Bordelle, Erweckungskirchen, Bäckereien und das Getöse von Menschen aller Generationen und Nationalitäten.“

Sophie Sumburane

Geboren 1987 in Potsdam, studierte Afrikanistik und Germanistik an der Universität Leipzig. Bereits während des Studiums publizierte sie ihren ersten Kriminalroman und begann ihre Tätigkeit als freie Kulturredakteurin, der sie bis heute für unterschiedliche Journale nachgeht. Sie arbeitet an ihrem dritten Roman, der wie die beiden vorherigen auf dem afrikanischen Kontinent angesiedelt ist. Im November 2016 gründete sie außerdem das Online-Journal LitAfrika.com, welches sich die Förderung der Literaturen aus dem Subsahara-Afrika zur Aufgabe gemacht hat.