Une perversion de la réalité

„On prend la réalité, on la malaxe, on la brise, on la broie…“

Shumona Sinha und Lena Müller haben mit dem Roman Assommons les pauvres! und der deutschen Übersetzung Erschlagt die Armen! den ILP 2016 gewonnen. In einem Interview en français mit den Redakteur*innen von ILPonblog spricht Shumona Sinha über Sprachpolitik, Kollektiverinnerungen und die Rolle der Dolmetschenden.

Eines der Hauptthemen ihres Romans ist die Macht der Sprache. Sie hat die Macht, Zugang zur Wahrheit zu ermöglichen, aber auch die Wahrheit zu verschleiern. Inwieweit war es Ihr Ziel, es durch eine ausschmückende und detailreiche Sprache dem Leser nicht zu leicht zu machen?

Zu Beginn ihres Schreibprozesses denkt Shumona Sinha nicht an die Lesenden, sondern an sich selbst und ihre Empfindungen. Sie sind der Auslöser. Im Falle von Erschlagt die Armen! setzt sie sich mit ihren eigenen Erfahrungen als Dolmetscherin für Asylsuchende auseinander. Es geht ihr nicht darum, den Leseprozess zu erschweren oder zu erleichtern. Allerdings ist sie sich bewusst, dass sie sich nicht in einfachen Worten ausdrücken kann. Es ist bizarr: ihre Worte und Metaphern kommen aus unbekannter Quelle, sie bleiben zunächst lange Zeit in ihrem Kopf und entfalten sich nur allmählich. Ihr Buch ist zwar stark in der Wirklichkeit verankert. Es erscheint ihr aber dennoch wie eine Perversion im besten Sinne des Wortes, eine notwendige Veränderung der Realität. Sie knetet sie durch, sie zerbricht und zerquetscht die Realität. Die französische Sprache ist ihr Instrument zur Veränderung. Da Französisch nicht ihre Muttersprache ist, befindet sie sich in einem stetigen, noch nicht vollendeten Konstruktionsprozess. Die Distanz zwischen ihr und der Sprache versucht sie zu überwinden – eine Bewegung, die in ihren Texten sichtbar wird.

„Es war im Übrigen untersagt, das Wort Elend auch nur in den Mund zu nehmen.“ Sie implizieren in ihrem Roman, dass Gespräche zwischen Beamt*innen und Asylsuchenden einer Sprachpolitik unterworfen sind. Kann man von einer Zensur oder von einer Selbstzensur sprechen?

Ja, Zensur und Selbstzensur sind die passenden Worte. Es gibt eine Sprachpolitik, die eng verknüpft ist mit der globalen Haltung gegenüber den Asylsuchenden. Sie haben alles Recht, ihr Heimatland wegen Hunger und Elend zu verlassen, aber das System, die OFPRA (französische Ausländerbehörde) gestattet ihnen den Aufenthalt deswegen noch nicht. Polizei und OFPRA sind eigentlich für den Schutz der Asylsuchenden verantwortlich, aber ihre vordringliche Aufgabe ist die Verdächtigung. Deshalb beginnen die Asylsuchenden die Wahrheit zu verändern. Für die Dolmetscher ist das eine immer wiederkehrende Erfahrung.

In ihrem Roman gehen Sie auch auf den Exodus von Hindus und Muslimen bei der Teilung Britisch-Indiens 1947 ein. Inwieweit versuchen Sie mit der Einbeziehung dieser historischen Entwicklungen in Ihrem Roman sich mit der eigenen Herkunft und Familiengeschichte und vielleicht einer kollektiven Erinnerung, einem kulturellen Gedächtnis auseinanderzusetzen?

Shumona Sinha schreibt, weil sie gelesen hat. Sie hat darauf aufgebaut und leistet nun einen kleinen Beitrag, insbesondere zur politischen Kollektiverinnerung. Für sie, wie für viele andere Bengalen in Kalkutta oder Bangladesch, bleibt die Teilung Britisch-Indiens eine nicht verheilte Wunde. Es war eine reiche, fruchtbare Region nicht nur im Hinblick auf Politik und Wirtschaft, sondern auch in Bezug auf die Kultur und das intellektuelle Leben. Hinter der Teilung steckt viel politisches Kalkül seitens der Kolonialmacht Großbritannien, wie auch der Politiker in Indien und Pakistan, die ihren politischen Einflussbereich strikt nach religiösen Grenzen teilen wollten. Dieser Konflikt der Religionen wiegt schwer. Ihrer Meinung nach wurden im Namen der Religion von je her Verbrechen gegen die Menschheit begangen und auch heute noch wird Religion als Vorwand benutzt, sich gegenseitig umzubringen. In ihrem Roman versucht sie aufzuzeigen, dass die Masse an Asylsuchenden ein Kollateralschaden ist, hervorgerufen von derartigen Ereignissen.

Welche Parallelen lassen sich zwischen diesem Exodus und der Einwanderung von Menschen aus Syrien, Afrika etc. in Europa ziehen?

Sinha möchte sich nicht anmaßen, in einem öffentlichen Diskurs über mögliche Parallelen zu reden. Da heutzutage jedes gesprochene Wort dermaßen kritisiert würde, wäre das unverantwortlich. Man könnte daraus Kapital schlagen. Die Erzählerin ähnelt Shumona Sinha, ist aber nicht dieselbe Person. In der Rolle ihrer Erzählerin wäre sie sehr elitär und hätte in der Folge ihren zweiten Roman Kalkutta nicht schreiben können. Als Hauptcharaktere bevorzugt sie eher Chauffeure und Hausfrauen. Deutschland hat mit der Aufnahme vieler Flüchtlinge etwas Gutes bewirkt, denn diese Menschen verlassen ihre Heimat nicht ohne Grund. Man bedenke, die Genfer Flüchtlingskonvention wurde 1951 verabschiedet, jedoch nur für politische Flüchtlinge. Heute geht es um Wirtschafts- und Umweltflüchtlinge. Die Debatte um diese Konvention muss neu entfacht werden, neue Artikel müssen hinzugefügt werden, die Menschen einschließen, die in all ihrer Würde dem Elend entfliehen wollen. Heute im Zeitalter von Kapitalismus und Globalisierung zirkulieren Geld und Produkte, aber der Mensch nicht. Der Kontinent ist ein von Menschen politisch definierter Raum. Es gilt sich die Frage zu stellen, wie der uns gegebene Raum mithilfe der neuen Einwohner neu zu gestalten ist.

Wie stark hängt das Schicksal des Asylsuchenden von der Übersetzung der Dolmetschenden ab? Inwieweit können die Nuancen einer Übersetzung bzw. die dabei verwendete Sprache rechtliche Konsequenzen für den Asylsuchenden haben?

Sinha spricht in ihrem Roman wie auch im Interview ausschließlich von bengalischen Asylsuchenden. Vielfach haben sie nicht die intellektuellen Fähigkeiten, sich korrekt auszudrücken. Zudem werden sie gezwungen, zu lügen, sich falsche Identitäten zuzulegen. Die Übersetzung ist eine schwierige Aufgabe, da oftmals erwartet wird, dass der Dolmetschende Teile der ohnehin fatalistischen Erzählung der Asylsuchenden hinzufügt oder verändert. In dieser Situation ist es schwierig, die richtigen Worte für eine gerechte Entscheidung der Behörden zu finden.

„Die Zukunft liegt in den Händen der Worte, in den Untiefen der Erzählung. Die Landschaften müssen in leuchtenden Farben gemalt werden.“ Welche Eigenschaften muss man als Dolmetscher*in für Asylsuchende mitbringen?

Man kann nicht von allen Dolmetscher*innen diese Sichtweise verlangen. Sie lässt sich auch nicht auf jede beliebige Situation eines Asylsuchenden anwenden. Dieses Zitat ist nicht die Aussage einer Dolmetscherin, sondern der Blickwinkel einer Romanautorin.

Vielen Dank an Shumona Sinha für dieses aufschlussreiche Interview!

Ein Beitrag von Julia Linne, Franziska Schatte und Sebastian Somfleth

Mehr zu Erschlagt die Armen!, Shumona Sinha und Lena Müller