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19. Juni 2018
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Wie kann die Literatur die von populistischen Parteien beanspruchten Konzepte von Alternative und Möglichkeit zurückgewinnen? Mit seiner Erzählung über die Geschichte des Nationalsozialismus bietet Vuillard eine Antwort auf diese komplexe Frage.



Wir leben in der Zeit des TINA-Prinzips. Leider bezieht es sich nicht auf Tina Turner, um anzudeuten, dass wir simply the best sind, sondern auf die Abkürzung des berühmten Slogans „There Is No Alternative“, den eine andere Frau mit einer nicht weniger ikonischen Haarpracht, nämlich Margareth Thatcher, zu ihrem Anspruch machte. Die Haarmode wechselt, aber die neoliberale Argumentationsweise bleibt immer gleich: „Alternativlos“ wurde 2010 so oft von Angela Merkel wiederholt, dass es zum Unwort des Jahres gewählt wurde. Und nicht nur die Bundeskanzlerin, auch Politiker auf der ganzen Welt verwenden diesen bequemen Begriff, um jede Verantwortung abzulehnen und das bestehende System als notwendig und unvermeidbar darzustellen.

Diesen lähmenden Mythos der Zwangsläufigkeit des Geschehens sprengt Éric Vuillards Buch Die Tagesordnung auf. Im Zentrum des Textes, der zwischen Erzählung und Essay oszilliert, stehen entscheidende Momente der europäischen Geschichte, die zur Herrschaft Hitlers führten. Wie Hitlers Treffen mit einigen Unternehmern am 20. Februar 1933, die sich bereitwillig überzeugen ließen, den Führer zu finanzieren. Oder der bissige Bericht über ein Abendessen mit Chamberlain, Churchill und Ribbentrop in der Nacht des Anschluss Österreichs, in dessen Verlauf der deutsche Außenminister die Reaktion der britischen Politiker verlangsamt, indem er stundenlang über französischen Wein schwadroniert, ohne dass Churchill und Chamberlain den Mut finden, ihre Höflichkeit zu besiegen und ihn zu verabschieden.

Vuillard hebt kleine, oft lächerliche Momente der menschlichen Schwäche hervor, in denen die Geschichte sich hätte verändern können, aber ein entscheidendes Nein ausblieb. Dadurch offenbart er, dass immer eine Alternative besteht. Auch der Nationalsozialismus – oft als eine unbarmherzige Maschine, ein unaufhaltsames Ungeheuer bezeichnet – wurde durch Unentschlossenheit und Opportunismus, Mangel an Charakterfestigkeit und Selbstgefälligkeit ermöglicht.

Natürlich weckt das Buch Gedanken an die Fragilität der westlichen Demokratie und die daraus folgende Möglichkeit einer Rückkehr des Faschismus, worauf Vuillard selbst aufmerksam macht: „Wir sollten nicht glauben, dass all das einer ferner Vergangenheit angehört.“ Allerdings ist das nicht der größte Verdienst des Buches, da über die Bedrohung durch den Rechtsextremismus auch von vielen anderen Medien berichtet wird. Die Erhabenheit der Erzählung liegt eher in der besonderen Fähigkeit der Literatur, gegen den Anschein einer notwendigen Realität zu kämpfen, und eine andere Welt durchschimmern zu lassen.

Sich der Alternativlosigkeit hinzugeben, kann oft beruhigend sein. Man trägt nicht das Gewicht der Entscheidung, man gibt sich der Illusion hin, dass die Ordnung der Welt starr und unbeweglich ist. Aller Schuld und Verantwortung wird abgeschworen und die Politik stellt sich nur als Vollzugsorgan einer höheren Macht dar. Eine alternativlose Welt ist ein bequemes Gefängnis, aus dem Vuillard mit uns ausbrechen möchte, um uns in einer alternativvollen Realität, unmittelbar vor einer wesentlichen Entscheidung, landen zu lassen.

Über die Konzepte „Alternative“ und „Möglichkeit“ (der Name der Bewegung Podemos in Spanien bedeutet „wir können“) haben in letzter Zeit die sogenannten populistischen Parteien ein Vorrecht gewonnen. Vuillard erobert diese Begriffe für die Literatur zurück. Durch seine historische Erzählung hält er nicht die Vergangenheit fest, sondern weist die Wege, die noch geöffnet waren, aber aus Angst und Kleinmut nicht gegangen wurden, und illustriert, wohin diese Pfade uns hätten führen können. Es liegt an uns, solche geöffneten Möglichkeiten, solche alternativen Wege in der Gegenwart zu sehen und einzuschlagen.