Weiße Flecken auf der Landkarte?

Buchproduktion im frankophonen Afrika

In den letzten Jahren fanden sich auf der jeweiligen Shortlist des ILP häufig afrikanische Autor*innen wie NoViolet Bulawayo, Gilbert Gatore (beide ILP 2015) und Teju Cole, der 2013 den Preis gewann. Die Genannten haben gemein, dass ihre Bücher nicht in Afrika, sondern durch Verlage in Europa oder den USA publiziert wurden. Ein Grund dafür ist, dass Cole und Bulawayo mittlerweile in den USA leben und Gatore im Zuge des Bürgerkriegs in Ruanda nach Frankreich fliehen musste. Ein weiterer Grund könnte sein, dass sich die Autor*innen von der Publikation im Ausland eine stärkere (auch internationale) Wahrnehmung ihrer Werke versprechen. Bei einer Publikation in Afrika wäre dies (womöglich) nicht der Fall.
Aber wieso gilt ein Großteil Afrikas trotz zahlreicher talentierter Autor*innen immer noch als „weißer Fleck auf der Landkarte“ der Buchproduktion? Und gegen welche Schwierigkeiten muss sich das afrikanische Verlagswesen behaupten?


Sprache und Infrastruktur

Den afrikanischen Kontinent einem generalisierenden Blick zu unterwerfen, ist unmöglich, dafür ist der Kontinent zu heterogen. Dass man also die afrikanische Buchproduktion an sich in den Blick nehmen könne, ist ein Trugschluss. Sie ist so divers, wie es die Sprachen des Kontinents sind. Selbst ein auf den ersten Blick einheitlicher Sprachraum wie die frankophonen Länder südlich der Sahara offenbart große Unterschiede und Schwierigkeiten: Die Sprache der ehemaligen Kolonialherren, die als Verkehrssprache dient und in der häufig publiziert wird, ist für große Teile der Bevölkerung nicht verständlich und wird aufgrund der geschichtlichen Hintergründe kontrovers diskutiert. Einige der Autor*innen betonen jedoch, dass Bücher in genuin afrikanischen Sprachen viel realitätsnaher wären, da die Texte durch die eigene Sprache mit größerer Bedeutung für die Menschen aufgeladen würden.[1] Publikationen in diesen Sprachen gibt es aber, wie gesagt, nur wenige.[2]

Das größte kulturelle Hindernis für die Ausbildung eines Verlagswesens im frankophonen Afrika wie dem Rest des Kontinents ist jedoch der länderübergreifend hohe Analphabetismus.[3] Zusätzlich zum Sprachproblem verringert er die Leserschaft, die durch ein Buch angesprochen werden könnte. Außerdem behindert die fehlende Infrastruktur vieler Länder im Hinblick auf Transport, Vertrieb und Vermarktung von Gütern die Buchproduktion zusätzlich. Die Verlage sind beim Vertrieb von Büchern auf Unterstützung und Subventionen von außen angewiesen. Diese Abhängigkeit von internationalen Institutionen wie der Weltbank und dem IWF sowie deren Aktivitäten stoßen bei einigen Regierungen und Teilen der Bevölkerung des frankophonen Afrika allerdings auf Kritik. Aufgrund des lückenhaften Vertriebsnetzes gelangen in die ländlichen Gegenden nur wenige aus Frankreich importierte Bücher. Es gibt kaum Buchhandlungen, Bibliotheken oder Kulturzentren, in denen Bücher gekauft oder ausgeliehen werden könnten – auch deswegen wird die eigene Buchproduktion vielfach als unrentabel angesehen und gar nicht erst in Angriff genommen.

Der Zugang zu Literatur bleibt vielen Afrikaner*innen außerdem verwehrt, weil sie ihr Geld für die Bedürfnisse des täglichen (Über-)Lebens ausgeben müssen. Der Kauf von Büchern hat also auch keine Priorität, oder wie der kamerunische Autor Max Lobe es ausdrückt: „Die Buchpolitik ist nun mal das am wenigsten dringliche der wichtigsten Probleme.“[4] Wenn überhaupt Bücher gekauft werden, so werden sie häufig in Monatsraten abbezahlt.[5] Selbst Rabatte ausländischer Verlage auf den Buchmessen in Ouagadougou (Burkina Faso) und Bamako (Mali) reichen nicht aus, um Bücher unter die Leute zu bringen. Von NGOs verteilte Gratis-Exemplare hingegen helfen zwar bei der Alphabetisierung, schwächen aber wiederum die nationalen Verlage. Viele von ihnen existieren unter den prekären Bedingungen nur für kurze Zeit. Werke einheimischer Autor*innen sind somit meist gar nicht und wenn überhaupt nur in den wenigen Bibliotheken vorhanden.

Unterstützung und Unwägbarkeiten

Die Buchproduktion wird außerdem durch die ökonomische Lenkung der Staaten selbst beeinflusst. Vielfach muss die Buchproduktion hinter anderen, als gewinnträchtiger angesehenen Wirtschaftszweigen zurücktreten. Beeinträchtigt von Rezession, Inflation und hohen Staatsschulden können sich Verlage in einigen afrikanischen Ländern im Zweifelsfall also auch keiner staatlichen Unterstützung versichern. Das wirkt sich auch auf die Ausbildung von Verlagsmitarbeiter*innen und Redakteur*innen aus, denen oftmals die Expertise fehlt.

Findet eine staatliche Beteiligung statt, so geht diese verstärkt mit einer Monopolisierung der Verlagslandschaft einher.[6] Doch nicht erst in diesem Fall setzt in einigen Staaten eine Sprachpolitik ein, die Verlagen und Autor*innen zu einem gewissen Grad vorgibt, was publiziert, ergo: was geschrieben werden darf. Außerdem legen die Staaten hohe Steuern auf die Einfuhr von Produktionsmaterialien wie Druckerpapier und Tinte fest – die Zahlen schwanken hier zwischen 45 und 80%[7] –, und üben somit an ganz anderen Stellen Druck aus. Bücher auf Nachfrage zu drucken (Print-on-Demand), wie es in der westlichen Welt gang und gäbe ist, hat sich als Folge dieser Unwägbarkeiten bisher nicht etablieren können. Andernorts, wie zum Beispiel in der Elfenbeinküste, ist die Ausstattung zur Buchproduktion oftmals vorhanden, aber nach Meinung der Regierung sei der Import aus Frankreich billiger als die Eigenproduktion.[8]

Die Problemfelder, die der Ausbildung einer funktionsfähigeren Verlagslandschaft im frankophonen Afrika im Wege stehen, sind zwar in ihrer Intensität von Land zu Land unterschiedlich stark ausgeprägt – und spiegeln insofern die Heterogenität dieses Teils des Kontinents wider –, allerdings lassen sich auch einige gemeinsame Linien erkennen: Die Sprachvielfalt und ein hoher Analphabetismus minimieren die Leserschaft; Bücher haben keine wirtschaftliche Priorität und kommen auch nicht dem täglichen Überleben zugute; in vielen Regionen existiert kein Vertriebsnetz; die Buchproduktion ist zu kostenintensiv; Print-on-Demand konnte sich als Alternative nicht etablieren. Doch das Fehlen von Büchern führt den schon bestehenden Analphabetismus fort – ein Teufelskreis. Subventionen von Seiten der Staaten wie auch von außerhalb sind daher notwendig, werden aber aufgrund sprach- und wirtschaftspolitischer Eigeninteressen der Geldgeber kritisch beäugt. Diese Unwägbarkeiten hinsichtlich äußerer Einflussnahme, der Produktion und des Absatzes machen die nationalen Buchproduktionen im frankophonen Afrika häufig zu Risikoinvestitionen.

Ein Beitrag von Sebastian Somfleth

Literatur in postkolonialen Räumen: Sind postkoloniale Einflüsse auf die Buchmärkte dieser Welt ergründbar? Wie wird Identität konstruiert? Wie viel des Anderen steckt in mir? Wir beleuchten (scheinbare) Dichotomien zwischen eigen und fremd, dem Selbst und dem Anderen, kolonial und postkolonial in der internationalen Gegenwartsliteratur.

[1] vgl. „Publishing in Sub-Saharan Africa“, in: Killam, Gordon D. (Hg.): The companion to African literatures, Oxford 2000, S. 232-236, hier S. 233.

[2] Beispielsweise erschienen im März 2016 unter dem Label „Céytu“ die Werke frankophoner Autor*innen (z.B. Mariama Bâ) erstmals in Übersetzung auf Wolof, einer der Verkehrssprachen des Senegal.; http://www.ceytu.fr/, abgerufen 25.03.2016.

[3] Tschad, die Zentralafrikanische Republik, Burkina Faso, Mali und Benin haben eine Alphabetisierungsrate von weniger als 40 % der Bevölkerung über 15 Jahren.; vgl. Human Development Report 2015, S. 244 f.; http://hdr.undp.org/sites/default/files/hdr_2015_statistical_annex.pdf, abgerufen 02.03.2016.

[4] „La politique du livre est donc la moins urgente des problèmes les plus importants.“, „Éditeurs africains, mondialisez-vous donc!“, LE MONDE, 24.04.2015.

[5] vgl. Schifano, Elsa: L’édition africaine en France: Portraits, Paris 2006 (= Cahiers d’études africaines, 181), S. 108 ff.

[6] Dies war z.B. in Benin zwischen 1960 und 1990 der Fall, wo die regierende Einheitspartei das Monopol des Office national d’édition de presse et d’imprimerie de Cotonou wahrte.; vgl. Tambwe, Eddie (Hg.): La chaîne du livre en Afrique noire francophone, Paris 2006, S. 17.

[7] vgl. Schifano (2006), S. 123.

[8] vgl. ebd.

Quellen

Astier, Pierre/Pécher, Laure: „Mondialisons l’édition française!“, Le Monde, 20.03.2014.

Chukwumerije, Dike-Ogu: „Writing and publishing in Nigeria. An author’s perspective”, in: Gohrisch, Jana (Hg.): Listening to Africa. Anglophone African Literatures and Cultures, Heidelberg 2012 (= Anglistik und Englischunterricht, 80), S. 175-181.

„Publishing in Sub-Saharan Africa“, in: Killam, Gordon D. (Hg.): The companion to African literatures, Oxford 2000, S. 232-236.

Lobe, Max: „Éditeurs africains, mondialisez-vous donc!“, Le Monde, 24.04.2015.

Rousseau, Christine: „L’Afrique en mal de livres“, Le Monde des livres, 25.11.2004.

Schifano, Elsa: L’édition africaine en France: Portraits, Paris 2006 (= Cahiers d‘études africaines, 181).

Tambwe, Eddie (Hg.): La chaîne du livre en Afrique noire francophone, Paris 2006.