weiter lesen: Die Tigerfrau

Lesehorizonte, die Textwelt von Téa Obreht

 Und was gibt es noch? In welche Textwelten führen uns die ILP-AutorInnen und ihre ÜbersetzerInnen? Romane, Essays, Erzählungen vor und nach der ILP-Nominierung geben Aufschluss darüber. Wir folgen den Spuren, lassen uns ein auf neue oder schon bekannte Orte, Stimmungen und Figuren…

Die Tigerfrau von Téa Obreht, ein Foto von Jarekt CC BY-SA 2.0 DE  http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Crocuta-hejda.jpg#/media/File:Crocuta-hejda.jpg

The Laugh von Téa Obreht. Foto: Jarekt Bearbeitet: Minou Trieschmann CC BY-SA 2.0 DE

Freundschaft, Liebe und Tod. Gleich mehrere große Sujets werden in The Laugh, einer Kurzgeschichte von Téa Obreht, aufbereitet. Sie erschien 2009 in The Atlantic und wurde später in die Anthologie Best American Short Stories 2010 aufgenommen. Es werden die Ereignisse einer Nacht und die damit verknüpften Erinnerungen an eine kürzlich verstorbene Freundin aus der Sicht von Neal erzählt. Der ehemalige Fotojournalist hat in der Nähe von Longido (Tansania, Afrika) eine Lodge gekauft und vermietet sie an Touristen. Er sitzt mit Roland, der betrunken ist, auf der Terrasse. „A bright half – moon clung to the side of the main house like something unfinished, and Neal could see the fever trees that linded the drive […].“ (S. 1) Es ist ein Tag vor Femis Beerdigung, die mit Roland verheiratet war und ihm ihre Tochter Nyah hinterlassen hat. Als das Licht ausfällt, machen sich die beiden Männer auf den Weg zum Generator. Mitten in der Nacht, in der Dunkelheit der Savanne, umgeben von schnaubenden und scharrenden Tieren. Neals Gedanken kreisen um Femi und es wird im Verlauf der Erzählung immer deutlicher, dass auch er sie geliebt hat.

Die Liebe und der Tod

Wie auch in Die Tigerfrau kommt einem Tier die Schlüsselrolle in dieser Kurzgeschichte zu. Andeutungen, die von Anfang an in den Text gestreut werden, lassen vermuten, dass Femi nicht unter natürlichen Umständen gestorben ist: „’Do you think it will be terrible – what´s in that coffin?‘ He hadn´t been able to answer.“ (S. 1) So wird relativ klassisch Spannung aufgebaut. Wie Femi gestorben ist, stellt sich allerdings erst gegen Ende der Erzählung dar – sie wurde von Hyänen getötet. Diese kommen in der Nacht vor der Beerdigung zurück, um „sie“ zu holen, wie Mrs. Halima, die Haushälterin, sagt.

Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen dem Roman und der Kurzgeschichte ist der Tod einer geliebten Person, der den Aufhänger für die Geschichte bildet. Durch die Kürze der Erzählung werden die Eindrücke zu dieser Person ganz verdichtet dargestellt. Ausschweifende Erzählungen über Nebenfiguren wie in Die Tigerfrau gibt es nicht.

The Laugh zieht ihren Reiz nicht primär aus dem Inhalt, sondern aus der Erzählart. Besonders wird der Text durch seine Sprache und die geringe Distanz zu den Figuren. Obreht treibt mit klaren Worten und einfachen Beschreibungen die Geschichte voran und gibt ihr dadurch ein gewisses Tempo. Das schlichte Erzählen wird durch präzise und sinnliche Eindrücke durchbrochen. „[…] the three of them had sat on plastic chairs in the dirt yard outside, sipping sweet tea, chickens scratching around at their feet, blue rain clouds filling the horizon in the east, until the sun dipped and bats swarmed out of the scrubland trees, rising like fog.“ (S. 1)

Das Lachen der Kingugwa

Anders als der Tiger in Die Tigerfrau, dem seine Dämonenhaftigkeit nur von den Dorfbewohnern angedichtet wird, sind die mythenumrankten Hyänen, die „Kingugwa“, tatsächlich unberechenbar und böse. Femi scheint nicht ihr erstes menschliches Opfer gewesen zu sein. Allerdings stehen die Hyänen auch für Neals schlechtes Gewissen, für die Gedanken an Femi, die er nicht ausblenden kann, obwohl er Rolands Freund ist. Seine falsche und unerwiderte Liebe wird durch das Lachen der Hyänen am Ende der Erzählung versinnbildlicht: „[…] the laugh – her laugh – would follow him all the way home.“ (S. 4) Dabei bleibt offen, ob hier nicht gleichzeitig Femis Lachen gemeint ist, das ihn verfolgt und ihm auch nach ihrem Tod keine Ruhe lässt.

Die kurze und an vielen Stellen prägnante Erzählung ist spannend und emotional zugleich. Sie ruft während des Lesens Mitgefühl und Gänsehaut hervor und lässt mit ihrem Ende den Leser/die Leserin mit einem unguten Gefühl im Bauch zurück.

Die Kurzgeschichte finden Sie hier.

Ein Beitrag von Minou Trieschmann

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