weiter lesen: Ein Tag zu lang

Lesehorizonte, die Textwelt von Marie NDiaye: Und was gibt es noch? In welche Textwelten führen uns die ILP-AutorInnen und ihre ÜbersetzerInnen? Romane, Essays, Erzählungen vor und nach der ILP-Nominierung geben Aufschluss darüber. Wir folgen den Spuren, lassen uns ein auf neue oder schon bekannte Orte, Stimmungen und Figuren…

weiter lesen - Foto: Elisabeth Krause (CC BY-NC 3.0 DE)

Ein Tag zu lang von Marie NDiaye. Foto: Elisabeth Krause (CC BY-NC 3.0 DE)

Ein Tag zu lang kann scheinbar alles verändern, Leben umwandeln, Familien entzweien, Geheimnisse aufdecken und neue Perspektiven aufzeigen. Das alles muss Lehrer Hermann schmerzlich erfahren, denn für ihn geht es darum, zu realisieren, dass es ein Tag zu viel war, der sein gesamtes Leben verändert.

Üblicherweise endet mit dem August die Urlaubssaison in den kleinen Ortschaften der Provinzen Frankreichs. Hermann beschließt mit seiner Familie die traditionelle Ferienreise zum ersten Mal etwas später als sonst zu beenden. Als er an jenem Morgen erwacht, muss er feststellen, dass seine Ehefrau und sein Sohn auf unerklärliche Weise verschwunden sind. Auch der bis dahin vertraute Ferienort hat sein Erscheinungsbild über Nacht verändert. Die idyllische Provinz zeigt sich als ein regnerischer, nebliger und bedrohlicher Ort und ist nicht mehr wiederzuerkennen; eine Fremde, die sich innerhalb weniger Stunden aufgebaut hat. „‚Plötzlich wird alles zum Feind‘ murrte er. ‚Ist das der Preis dafür, den Herbst hier zu erleben?‘“ (S. 28). Er sucht Hilfe bei den zuständigen Institutionen im Dorf wie etwa bei der Polizei, jedoch interessiert sich niemand für das Verschwinden seiner Familie. Nach mehreren vergeblichen Versuchen bekommt er den Rat, sich die Sitten der Dorfbewohner anzueignen und sein altes Leben aufzugeben, um so seine Familie wiederzusehen. Mit der Zeit automatisiert sich der Prozess und ihre Lebensgewohnheiten werden auch zu seinen: „Er war kurz davor, zu glauben, das karge reglose Winterschlafleben des Dorfes sei das einzig Wahre“ (S. 95).

Marie NDiaye, Gewinnerin des internationalen Literaturpreises 2010, beweist ihr Können im literarischen Feld wie schon mit Drei starke Frauen auch mit ihrem Roman Ein Tag zu lang. In ihrem Werk erzählt sie überzeugend davon, was es bedeutet, die eigene Identität im Fremden neu erschaffen zu müssen. Die Autorin zeigt den LeserInnen auf, wie es ist, sich immer mehr von seinem eigenen Ursprung zu entfernen und wie das Fremde zum Eigenen wird. Die Konsequenz ist eine Entfremdung von sich selbst. Ist zu Beginn des Romans noch der Drang vorhanden, sich gegen die Lethargie und die Passivität der Dorfbewohner zu wehren, gelingt es NDiaye, ihre Leserschaft zu bannen, sodass man sich dem Sog der Entwicklung nicht mehr entziehen kann. Sie erzählt die bedrückende Geschichte von Dorfbewohnern, die wie Marionetten handeln. Die Figuren scheinen fremdbestimmt zu sein und der Protagonist passt sich eben jenen an. Er vergisst seine eigenen Ideale und Vorstellungen, um sich mit dem ihm unbekannten System zu arrangieren.

Stilistisch gelingt NDiaye trotz einfacher und klarer Sprache die Gestaltung einer Art surrealen Parallelwelt. Wenngleich man die abstrakte Welt wahrnimmt, vermittelt der Roman durch prägnante Beschreibungen der Figuren und deren Umwelt den Anschein von Normalität. Auffällig ist, dass die Passivität der Dorfbewohner durch die Verwendung des Konjunktivs hervorgehoben wird. „Aber die Seelen seien glücklich, das erlaube sich der Bürgermeister Hermann zu versichern“ (S. 110). Nur ein geringer Sprechanteil der Figuren ist in direkter Rede verfasst.

In Ein Tag zu lang thematisiert NDiaye wie auch in Drei starke Frauen die Komplexität der Identitätsveränderung durch die Vermischung unterschiedlicher Kulturen. Beide Romane befassen sich, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise mit der Frage nach Heimat und Zugehörigkeit. Geht es in Drei starke Frauen mehr um die Beziehung zwischen Frankreich und Afrika und der Migration in diesen beiden Ländern, so verdeutlicht NDiaye in Ein Tag zu lang, dass ein Gefühl der Fremde und des Verlorenseins, andere Gewohnheiten und Persönlichkeiten auch innerhalb eines Landes thematische Bedeutung haben können. Eine weitere Gemeinsamkeit zeigt sich in den offenen Enden der einzelnen Geschichten.
Es scheint der Autorin etwas daran zu liegen, ihren LeserInnen eine Welt zu eröffnen, Möglichkeiten aufzuzeigen und Denkanstöße zu geben, die es sich im Anschluss aber selbst zu erschließen gilt.

Ein Beitrag von Annika Baum, Yeliz-Melike Demir, Wiebke Heinrichs und Elisabeth Krause

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